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Oktober 1842
von einer außerordentlichen gentleness und Anmuth, wir lieben uns sehr,
aber leider sehr tugendhaft, und es hat keinen Anschein, als ob dieses an-
ders werden wolle, was ich auch nicht besonders betreibe, um nicht hiedurch
in verpflichtungen und verwickelungen zu gerathen.
mein Avancementgesuch, um von Allem, selbst dem unbedeutendsten zu
sprechen, ist endlich wieder flott geworden und scheint dießmahl einer na-
hen und günstigen entscheidung entgegen zu gehen, nicht so meine reise-
projekte, die mir doch viel näher am herzen liegen. diese sind so ziemlich
stationär geblieben, und werden es wohl auch, bis erzherzog stephan nach
Wien zurückkömmt, was nicht vor Anfang november seyn wird, ich erwarte
noch immer die Antwort kolb’s auf den Brief, welchen ich ihm vor ungefähr
4 Wochen als Antwort auf seine mir durch herrn v. minutoli überschickten
Zeilen schrieb, auch die Antwort des herrn v. Werner aus Würtemberg läßt
noch immer auf sich warten, doch habe ich sie in diesen letzten tagen be-
trieben, von triest und Wien aus sind mir die verlangten Arbeiten über die
österreichischen handelsverhältnisse zu America zugesichert worden, und
ich sehe nun täglich ihrem eintreffen entgegen. Auch der verkauf von Pa-
pariano scheint in gang gebracht zu seyn. der pivot, um den sich jetzt alle
meine Bemühungen drehen müssen, ist die geldunterstützung von seiten
der regierung, als conditio sine qua non, dazu ist nun der einzige, dabey
aber auch zugleich der beste Weg, die fürsprache erzherzog stephans bey
graf kolowrat, welche mir jener versprochen hat und ohne Zweifel auch er-
füllen wird. doch um dieser fürsprache den gewünschten effekt zu sichern,
müßte ich suchen, kübeck von der nützlichkeit meines Anerbiethens zu
durchdringen, indem ohne Zweifel das erste und nächste, was kolowrat
über des erzherzogs vortrag thun wird, darin bestehen wird, mit Baron
kübeck darüber rücksprache zu nehmen, ich sinne nun über diesen Punkt
nach und werde wahrscheinlich in diesen tagen an Baron geringer schrei-
ben. Wenn nur nicht Alles gar so langsam ginge.
mein Buch müßte nun bald erscheinen, ich bin nun, da mich andere ge-
danken beschäftigen, ziemlich gleichgültig dafür geworden, unangenehm ist
mir der Aufschub, den die Publikation erlitt, indem seit der Zeit, als ich es
niederschrieb, sich besonders in der finanzverwaltung manches zugetragen
hat, und ich daher heute nicht mehr ganz so urtheilen würde wie damals,
daher ließ ich auch vor einigen monathen an campe schreiben, er möge in ei-
nem kurzen Buchhändler vorworte dieses Aufschubes, als durch eine reihe
von Zufälligkeiten veranlaßt, erwähnen. die ganze sache ist übrigens ein
neuer Beleg zu der alten Beobachtung, daß der mensch seine Wünsche ge-
meiniglich erst dann erreicht, wenn ihm daran nichts mehr gelegen ist. mit
welcher spannung, mit welchem interesse hätte ich noch vor einem Jahre
die erscheinung eines Werkes begleitet, die mich nun, da sie imminent ist,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien