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Tagebücher334
es denn auch leute, und namentlich auch hier, die dem könige nichts gutes
weissagen und sich ärgern über die entfesselung der bisher gefangen gehal-
tenen kräfte, ich aber denke: und entspränge auch daraus für den könig und
die königliche gewalt nichts gutes (obwohl es noch dahin steht, ob für einen
herrscher heutzutage die unbeschränkte gewalt wünschenswerther sey als
die beschränkte), mag es doch, denn höher und wichtiger als die interessen
der könige stehen die der völker, es mag seyn, daß friedrich Wilhelm am
ende sich ganz wo anders finden wird, als er jetzt wähnt, doch es ist dieß ein
ihm von gott eingegebener irrthum, eine Blindheit, die wir segnen müssen,
und jeder schritt vorwärts, den er thut, ist ein unwiderbringlicher. erzher-
zog Johann’s reden in cöln, heidelberg etc. (kein österreich, kein Preußen
mehr, sondern ein einiges deutschland) gefallen mir und in deutschland
besser, als sie in Wien werden gefallen haben,1 es ist ein wahres glück, daß
endlich einmahl ein erzherzog andere als spießbürgerliche ideen ausspricht,
doch wird ihm die strafpredigt darüber wohl nicht entgehen.
Wenn aber auch mitunter einer spricht, gehandelt wird darum doch
nicht, nicht einmahl wo es fast unausweichlich wäre. fürst metternich’s
system ist die wahre genialität der dummheit, das zeigt sich nun wie-
der in serbien bey der neuesten revolution in diesem lande vor unseren
thoren, und rußland führt dort wieder das große Wort.2 Anfangs war der
Beobachter,3 mirabile dictu, ganz für die rebellen, die fürst michael ver-
trieben, jetzt nach einem monathe heißt es, wir hätten im einvernehmen
mit rußland uns für den fürsten erklärt.
schändlich aber und empörend ist rußlands Benehmen gegen seine ka-
tholischen unterthanen, welches jetzt erst nach Jahren durch die päbstliche
denkschrift in seiner ganzen Abscheulichkeit ruchbar wird. agegen einen
solchen tyrannischen Bösewicht, als nikolaus, ist meiner innigen überzeu-
gung nach gift und dolch erlaubt.a der einzige trost aberb bey diesen vor-
gängen ist: sie können und werden dem despoten keinen segen bringen, und
seine jetzigen gewaltthaten werden, vielleicht bald, fürchterlich gerächt
werden.
1 Bekannt ist hier erzherzog Johanns trinkspruch bei einem empfang durch könig fried-
rich Wilhelm iv. von Preußen auf schloss Brühl bei köln.
2 Der erst 19jährige Fürst Michael Obrenović musste Anfang September 1842 nach jahre-
langen bürgerkriegsähnlichen Zuständen und seiner niederlage im kampf um die macht
gegen den regentschaftsrat das land verlassen. Zum neuen fürst wurde bereits am
13.9.1842 Alexander Karageorgević gewählt, nach russischem Einspruch wurde Alexan-
ders Wahl am 27.6.1843 wiederholt, worauf er auch von der Pforte anerkannt wurde.
3 Der Österreichische Beobachter, die offiziöse Zeitung der Staatskanzlei.
a–a mit Bleistift gestrichen.
b gestrichen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien