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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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3417. Dezember 1842 Gräfin Berchtold, welche es entsetzlich indiscret findet, daß er seine Her- ren nicht selber von sich entfernt. meine gute elise Berndis ist vorgestern nach turin abgereist mit zahlreichen empfehlungsbriefen versehen, die ich ihr theils gab, theils verschaffte, sie war die letzten tage sehr weich und scheint mich wirklich ganz sentimental zu lieben, von meiner seite war es nie so weit gekommen, doch fühle ich eine herzliche Zuneigung zu ihr, da sie wirklich ein engelsgutes, liebenswürdiges geschöpf ist. mit dem ver- liebtsein aber geht es jetzt nicht mehr so rasch, ja mir scheint, dem herzen sey nicht mehr beyzukommen, höchstens dem kopfe, so war es auch bey der lottum, welche mir übrigens gar nicht mehr schreibt. das hauptévénement der gegenwart ist die französische komödie und die deliciose mad. taigny, ich bin ganz von ihr bezaubert und sitze alle Abende in meiner kleinen loge hinter den coulissen, die ich mit Pergen und kiel- mansegge genommen habe. samstag nach dem theater fahre ich mit Pergen nach Parma zum nah- mensfeste marie louisen’s, der auf den montag fällt. dort finden wir neipperg, welcher gegenwärtig in florenz ist, und fahren dann mit einander zurück. es ist kein großer spaß, aber varietas delectat, und man muß von Zeit zu Zeit eine gewaltsame unterbrechung dieses alltäglichen einerleys herbeyführen. sehr frappirt hat mich die catastrophe clemens ugarte’s, welcher sich vor 8 tagen in Wien erschossen hat. er sollte tages darauf heirathen, eine getaufte Jüdin, fräulein kohn, die er schon seit langer Zeit liebte. man sagt, daß die streitigkeiten mit seiner familie (zu der auch troyers gehö- ren), eben dieser heirath wegen, ihn dazu gebracht haben, was bey seinem schwachen verstande und tiefsinnigen charakter nicht unmöglich wäre. erzherzog ludwig, dessen dienstkämmerer er war, soll untröstlich seyn. das wird übrigens auch so eine erzherzogliche trauer seyn, die gerade so weit geht, als nothwendig ist, um die leute sagen zu machen: was ist das für ein gutmüthiger herr! und oft nicht einmal so weit. das sehen wir hier an erzherzog rainer und meraviglia, die leute haben kein herz und glauben, Wienerisch deutsch reden sey ein surrogat dafür. nani herberstein, hofdame der erzherzogin sophie, starb dieser tage, die müller’schen geschichten gehen de mal en pis, die familie wird die bey- den Alten ernähren müssen, infam und wirklich gemein aber benehmen sich die reichsten derselben, die alten erdödys, toben und schimpfen, statt zu helfen, mißhandeln die arme unglückliche Justine, weil steffi sich von ihrem vater verleiten ließ, für ihn zu haften, etc.1 da sieht man dann wieder, daß dummheit und gemeinheit immer hand in hand gehen. 1 graf stephan (istvan) erdödy war mit freiin Justine v. müller-hornstein, Andrians cou- sine, verheiratet, deren Vater hoch verschuldet war; vgl. Eintrag v. 5.11.1842.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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