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Tagebücher342
[mailand] 16. dezember
in der nacht von samstag dem 10. auf sonntag, nachdem ich noch wie ge-
wöhnlich bis nach 1 uhr bey der samoyloff gesessen hatte, fuhr ich mit Per-
gen, und zwar bis lodi mit seinen Pferden, ab. dort spannten wir neippergs
Pferde ein, aber zu unserem unglücke, denn das eine war eine stute und
eben rossig, so daß wir kaum eine halbe stunde gefahren waren, als sie über
den strang sprang und niemand zulassen wollte. Als wir endlich mit hülfe
eines eben vorbeykommenden carrettiere aus dieser noth befreyt waren,
ging es weiter, aber unter beständigen schlagen und sätzen, was auf der
hohen damm-artigen straße ohne geländer wirklich nicht ohne gefahr war.
endlich schien die Bestie, nachdem sie geschirr und Wagen fast zertrüm-
mert hatte, ruhiger zu werden, und so hofften wir, das Ziel unserer fahrt,
Piacenza, ohne unfall zu erreichen. Aber 8 miglien vor dieser stadt, mit-
ten auf der straße, fing das spektakel von neuem an, und ärger als je, der
kutschbock war schon ganz in stücken, und wir mußten ausspannen, mit
vieler mühe und Zeitverlust Bauernpferde requiriren, und so kamen wir ge-
gen 10 uhr in Piacenza an. dort frühstückten wir mit Annoni, der während
unseres unglücks vorbey gekommen war, fuhren dann mit der Post weiter,
und waren gegen 5 uhr in Parma, wo wir mit großer noth in der Posta vec-
chia eine schlechte unterkunft fanden. mit uns waren Annoni, langenau
und hauptmann schmerling gekommen, denen Allen es noch schlechter er-
ging als uns, denn die confusion war der vielen fremden wegen au comble.
denselben tag war nicht mehr viel zu thun, als sich bey Bombelles aufzu-
schreiben. das thaten wir denn und gingen, nachdem wir einen moment
im theater gewesen waren, müde und matt zu Bette. tags darauf war die
gran giornata, vormittags tedeum und Parade, bey der ich aber nichts zu
thun hatte, ich benützte die Zeit dazu, um die wenigen merkwürdigkeiten
Parma’s zu besehen: das museo mit vielen Alterthümern von den Ausgra-
bungen von velleja im Piazentinischen, u.a. sehr interessante goldmün-
zen, ketten, Bracelets, ringe etc., etruscische vasen, mumien etc., weiters
die Bildergalerie mit schönen corregio’s und einem raphael, dann das aus
holz konstruirte teatro farnese, woran ich nichts besonderes fand, das in
vicenza ist weit schöner. dann die Bibliothek, mit einigen interessanten
seltenheiten, einer hebräischen Bibel mit eigenhändigen Anmerkungen
luther’s, einem koran, der cara mustapha, dem Belagerer von Wien, zu-
gehört hatte, etc., endlich das schöne monument neipperg’s von Bartolini
in der kirche s. Paolo.1 Auch machte ich einige nothwendige visiten bey
1 marie louise herzogin v. Parma war in zweiter ehe mit dem 1829 verstorbenen Adam Al-
bert graf neipperg verheiratet gewesen. das von lorenzo Bartolini geschaffene denkmal
steht heute in der kirche santa maria della staccata in Parma.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien