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war, welche sich mit großer selbstverleugnung (denn sie selbst bezog von
der einnahme nichts) an den eingang gesetzt hatte, um sich von den hie-
sigen Badauds ein paar stunden lang begaffen zu lassen, während deren
sie, wie sie mich versicherte, auf kohlen saß. dafür wurde sie aber auch,
sowie ein Paar tage vorher bey ihrer einnahme, mit Bouquets und kränzen
überschüttet. nachher, d.h. nach dem theater hatten wir, inhaber der klei-
nen loge hinter der scene, Pergen, kielmansegge und ich, ein souper bey
cova arrangirt, dazu wir auch lichtenstein engagirten. Wir 4 waren somit
die gastgeber und luden nebst Pachta, der bey solchen Anlässen nie feh-
len darf, nur noch die beyden taigny und den director m. doligny ein. ich
hatte das Arrangement des soupers übernommen und erwartete sie daher
im saale, bis Pergen das ehepaar in seinem Wagen hieher bringen würde.
das souper war ganz ausgezeichnet, die Accessoires, nämlich meubles, sa-
lon etc. vielleicht weniger elegant, als ich gewünscht hätte, doch ließ sich, da
die 3 Andern darauf bestanden, das souper bey cova zu geben, nichts Besse-
res machen. das ganze aber war dessenungeachtet sehr anständig, und was
mehr als dieß sagen will, das souper sehr heiter, angenehm und gemüthlich.
dabey immer so strenge in den grenzen des Anstandes, daß selbst Pachta
trotz seiner und unser Aller lustbarkeit sich nicht getraute, einen seiner
gewöhnlichen späße aufzutischen. sie ist eine charmante, deliciose Person,
vom Wirbel zur Zehe grazie und heiterkeit, und dabey immer streng de-
cent. Wir blieben bis gegen 3 uhr mitsammen, und gestern machten wir 4
festgeber zusammen (so hatte lichtenstein gewollt, obwohl ich es ein Bis-
chen lächerlich fand) ihr unseren Abschiedsbesuch. heute ist sie weg, nach
genf und Paris. sie war in der letzteren Zeit ganz bekannt geworden, hatte
mehrere mahle in unserer loge gesessen, um die oper anzuhören, und ich
war auf gutem Wege, mich in sie zu verlieben, da sie wirklich gar zu hübsch
und liebenswürdig war. eine komische eifersucht bestand zwischen unse-
rer loge und der gegenüberliegenden, jedoch nicht wie die unsrige hinter
der scene, welche graf Walmoden, lichtenstein, Appel, martini, taxis und
stanoevich zusammen genommen hatten, und als nun der Zufall wollte, daß
diese am tage der einnahme der mad. taigny ihr 100 franken nach hause
schickten, und diese bis auf den Augenblick ihrer Abreise stets der meinung
blieb, diese gabe rühre von uns her, und sich dafür ein Bracelet kaufte pour
avoir un souvenir de milan, womit sie dann auf dem theater und bey unse-
rem souper erschien, eine voraussetzung, die wir uns durchaus keine mühe
gaben zu widerlegen, da war es gar aus und der scherze und neckereyen
kein ende.
Jetzt ist sie weg, und ich habe ein excitement weniger, oder vielmehr gar
keines. die samoyloff ist auch weg, montag den 19. Abends, und wird wohl
heute in Paris seyn, warum sie so bald wegging, wußte sie wohl selber nicht,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien