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Dezember 1842
hier ennuyirte sie sich, faute d’amant, und da wollte sie sich dann einreden,
sie sey wieder in martini verliebt und fuhr ab. das ist ein verlust für mich,
denn ihr salon war recht angenehm, besonders in letzter Zeit kamen ziem-
lich viele damen hin, die schöne frezzolini, mathilde Berchtold, der ich in
kluger voraussicht der zukünftigen Annehmlichkeiten ihres thees und ihrer
loge mich zu nähern anfing, die visconti-Alari etc.
und endlich, um das maaß meiner verluste voll zu machen, ist am sel-
ben tage, d.i. am 19. früh, der hof und mit ihm gabrielle abgereist. sie
fuhr übrigens allein, wollte einen tag in mantua zubringen, wo gottfried in
garnison liegt, und am 21. früh in venedig seyn. vielleicht komme ich zu
ende des faschings auf einige tage dahin, wenn ich nicht, was ebensomög-
lich wäre, auch nur auf wenige tage nach rom fahre, um die moccoletti1
zu sehen. das wird von mancherley dingen abhängen, erstlich von mei-
nem Avancement, welchem ich nun nach den letzten von Wien erhaltenen
Briefen täglich entgegensehe, und zwar mit der hoffnung in mailand zu
bleiben, und zweytens davon, wenn und wie meine reiseangelegenheiten
zur entscheidung kommen. meiner meinung nach müßte da bald etwas los-
gehen, denn ich habe nun meine sämmtlichen springfedern in Bewegung
gesetzt (erst heute habe ich wieder an Waldstein oder eigentlich durch ihn
an stadion geschrieben) und erwarte nun das resultat.
so eben erhalte ich einen Zettel von der Buchhandlung tendler und
schaefer, welcher mir meldet, daß campe mein Werk endlich verschickt
habe, daß ein exemplar davon bereits per Post hieher unterweges sey, und
daß mehrere andere in kurzem mittelst der gewöhnlichen frachtgelegen-
heit nachfolgen werden. so geht denn endlich das lange erwartete in er-
füllung! sonderbar! in dieser letzten Zeit hatte ich mich beynahe mit dem
gedanken vertraut gemacht, dieses Produkt meiner vorjährigen stimmung
und meines damaligen ehrgeizes, an dessen erscheinen ich damals soviele
hoffnungen und luftschlösser geknüpft hatte, für immer der vergessenheit
übergeben zu sehen. eine Art von Ahnung, daß der rechte Zeitpunkt bereits
verstrichen sey, an Allem, was seit anderhalb Jahren bey uns, und unläug-
bar zum Bessern, geschehen, eine leise Befürchtung, daß die in jener schrift
niedergelegten Ansichten nicht mehr meine gegenwärtigen repraesentiren
dürften, welche seitdem in manchen stücken ruhiger und vertrauensvoller
geworden sind, nebstdem ein gewisses philistermäßiges gefühl der Behag-
lichkeit, welches mich mit dem herantretenden mannesalter, wohl auch wi-
der meinen eigenen Willen, zu beschleichen anfängt und meine sehnsucht
nach einer gewaltsamen erschütterung und störung meiner jetzigen exi-
stenz, wie ich diese damals empfindet, ziemlich stark gemildert hat, Alles
1 lichterfest zum Abschluss des carnevals in rom.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien