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Jänner 1843
Anfangs für die revolution, weil es von unserer hasenfüßerey überzeugt
seyn konnte, daß wir uns in diesem Jahre nicht für den abgesetzten für-
sten auszusprechen wagen würden, und nun, da es uns zur unthätigkeit
gebracht hat, tritt es auf in der ganzen entschiedenheit einer schutzmacht,
und sichert sich dadurch einen ausschließlichen Einfluß auf die künftige
regierung serbiens und gibt dem wankenden throne des sultans wieder
einen neuen und schmerzhaften stoß.1 o großer staatsmann clemens Wen-
zel lothar! o sancta simplicitas.
erhebend aber ist die allgemeine Begeisterung, womit die rheinlande
dem so eben zum Professor in Bonn ernannten dahlmann allenthalben ent-
gegenkommen.2 die Worte, welche bey den ihm zu ehren veranstalteten
festmahlen in Bonn und cöln, auch von regierungsbeamten, gesprochen
worden sind, werden drohend und erschütternd in den ohren des ehr- und
wortbrüchigen ernst August in hannover wiederhallen und ihn erinnern,
daß wenn auch leider die deutsche langmuth sich vorerst seine gewalt-
streiche hat gefallen lassen, doch einmahl, und wäre es nicht früher, nach
seinem tode, ein Ausbruch unvermeidlich ist.
[mailand] 4. Jänner 1843
die letzten Jahrestage schickte mir die Buchhandlung tendler und schae-
fer das exemplar meiner endlich bey campe gedruckten schrift, welches
mittelst Post für mich angelangt war. ich habe es seitdem genau mit ver-
gleichung meines manuscriptes durchgegangen und bin heute damit fertig
geworden. die typographische Ausstattung ist sauber, wenn auch nicht so
wie ich es gewünscht hätte, doch war ich mit der correctheit des druk-
kes nicht ganz zufrieden. Ziemlich viele und darunter auch verschiedene
sinnstörende druckfehler, was aber unangenehmer als dieses ist, alle Ab-
schnitte und ruhepunkte, welche ich doch in meiner Abschrift klar ange-
deutet hatte, sind weggelassen, und die ganze schrift geht ohne unterbre-
chung und Absatz in einem Zuge fort, was dem leser, welcher nicht voraus
weiß, wo er das Buch des Zusammenhanges [wegen] unbeschadet wegle-
gen kann, bedeutend beschwerlich fallen muß. kurz man sieht es dem Bu-
che an, daß es in weiter entfernung und ohne mitwirkung des verfassers
gedruckt wurde. Was ich nebstdem noch bedauere, ist, daß campe trotz
1 Zum umsturz in serbien vgl. eintrag v. 29.10.1842.
2 friedrich christoph dahlmann hatte am 18.11.1837 gemeinsam mit sechs kollegen an der
universität göttingen (göttinger sieben) gegen die Aufhebung der verfassung durch den
neuen könig ernst August von hannover protestiert. darauf wurden alle sieben Professo-
ren enthoben und dahlmann gemeinsam mit zwei weiteren des landes verwiesen. nach
dem regierungswechsel in Preußen erhielt dahlmann 1842 eine Professur für deutsche
geschichte und staatswissenschaften in Bonn.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien