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Februar 1843
neffen entzückt, erzählt es aller Welt, spricht nicht anders als mein neveu
der renegat, mit einem gewissen selbstgefühle. kurz, das ganze ist höchst
lächerlich.
im kanton ticino, vor unseren thoren, haben wir zur Abwechslung wie-
der eine revolution und zwar als reaction gegen die vom Jahre 1841, näm-
lich im kirchlichen sinne, die Bauern sind nach lugano gekommen, wo in
den straßen gekämpft und geschossen wurde, und nun sollen sie sich nach
locarno, dem sitze der regierung, in Bewegung gesetzt haben.1 erbärmli-
ches gesindel auf beyden seiten.
[mailand] 1. februar
gestern enthielt die Allgemeine Zeitung wiederum eine Beurtheilung von
„oesterreich und seine Zukunft“ und zwar dießmahl von meinem freunde
Zedlitz, welcher die bekannten halboffiziellen Wiener Briefe für die Bey-
lage der Allgemeinen Zeitung schreibt.2 doch ist diese Beurtheilung kürzer
und, wie sich bey Zedlitzens stellung nicht anders erwarten ließ, ziemlich
ungünstig, er erkennt, daß darin manches Wahre enthalten und die ganze
schrift mit patriotischer Absicht geschrieben sey, doch meint er, sey im
ganzen das Bild carikirt und übertrieben, so sey oesterreich nicht und so
werde es nie werden, ruft er in frommem eifer aus, die Ziffern seyen entwe-
der falsch oder falsch gruppirt (und doch ist dem nicht so) etc. im übrigen
schließe er sich den Worten des früheren Beurtheilers W.W. an.3
es ist doch merkwürdig, daß zwey bekannte geister zu einander spre-
chen können, ohne sich gegenseitig zu erkennen, es können zwey menschen
sich alltäglich begegnen, Jahre lang in der thätigsten geistigen Wechselwir-
kung stehen, und es doch nicht ahnen, daß es ihr nachbar, ihr tischgenosse
ist, mit dem sie im rapport stehen.
die retrograde Bewegung des königs von Preußen scheint nun ent-
schieden, so eben hat er die in cöln erscheinende rheinische Zeitung ver-
bothen, eine maßregel gegen die freye Presse nach der andern, die Pro-
vinzialstände sollen in diesem Jahre auch nicht berufen werden, und von
einem Wiederzusammentritte der reichsstände verlautet ohnehin gar
nichts. nur zu auf diesem Wege, und Preußen wird bald in deutschland so
fremd und ohne Einfluß seyn wie Oesterreich, und noch weit fremder, weil
1 es handelte sich um einen weiteren – wie auch 1840 erfolglosen – Aufstand gegen die 1839
ebenfalls gewaltsam etablierte liberale regierung im tessin.
2 Allgemeine Zeitung (Augsburg) v. 28.1.1843, Beilage 217f.: Wiener Briefe. in diesem länge-
ren Artikel ist etwa ein viertel einer spalte der Broschüre Andrians gewidmet. dieser teil
des Artikels ist gedruckt in rietra, Wirkungsgeschichte, 161.
3 mit dem kürzel W.W. war die rezension in der Allgemeinen Zeitung v. 13.1.1843 gezeich-
net, vgl. eintrag v. 19.1.1843.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien