Seite - 360 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 360 -
Text der Seite - 360 -
Tagebücher360
Kenntnisse ist eine leere schaale Ausflucht, denn erstlich weiß man über
den umstand, ob ich derley kenntnisse besitze oder nicht, kein Jota, und
eine jede andere regierung hätte es der mühe werth gefunden, Jemanden,
der sich mit einer so bedeutenden Aufopferung an geld und kräften zu ei-
ner so unendlich wichtigen unternehmung anboth, und dessen Briefe (wie
auch stadion bekannte) ein nicht gewöhnliches studium und Ausbildung
in solchen gegenständen beurkundete[n], vorerst zu prüfen, anstatt ihn so
vornehm-nachlässig von sich zu weisen, und dann bin ich noch gar nicht
von der überzeugung durchdrungen, daß zu dem von mir beabsichtigten
Zwecke eine gründliche praktische technische Ausbildung nothwendig sey.
es handelt sich ja weder von einer Anlage oder einem gutachten zur An-
lage neuer fabriken noch von der erforschung einer ausländischen bedeu-
tenden industrie, welche in jenen ländern noch gar nicht existirt, sondern
lediglich um die Beurtheilung, ob unsere fabriken und urprodukte in jenen
regionen einen gewinnreichen Absatz zu erwarten hätten, und welche Pro-
dukte wir von dort her (und zwar wie natürlich ausschließlich rohe stoffe)
beziehen könnten. Zu ersterem gehört eben weiter nichts als die kenntniß
der elemente unserer industrie, nämlich der Arbeitslöhne, rohstoffpreise,
etc. und der Betriebsart im Allgemeinen, um zu sehen, in wie ferne wir
mit den Preisen anderer länder konkurriren könnten, zu letzterem aber
noch weit weniger. von einer genauen practischen kenntniß der einzelnen
détails in der fabrikation ist hingegen gar nichts nothwendig, und jene
kenntnisse könnte ich mir, insofern ich sie durch sorgfältiges sammeln
nicht schon besitze, durch jene von stadion gewünschte rundreise in die
hauptsitze unserer industrie leicht erwerben.
Will die regierung einen praktischen kaufmann schicken, so muß sie
auch alle die vorurtheile und einseitigen tendenzen eines solchen mit in
den kauf nehmen, will sie aber mit ächt österreichischer indolenz gar nie-
manden schicken, dann mag sie es verantworten. ich habe gethan, was ich
nicht lassen konnte.
ich wäre nach empfang dieses Briefes alsogleich nach triest abgereist,
um das letzte zu versuchen und stadion, der so günstig für meinen Plan
gestimmt scheint, dahin zu bringen, daß er von seinem offiziellen Stand-
punkte aus ihn in Anregung bringe, wenn mir nicht flore zugleich einen
ausführlicheren Brief von Breda angekündigt hätte, worin mir dieser den
ganzen hergang der sache und also wahrscheinlich auch die Ansicht und
den rath erzherzog stephan’s (obwohl ich glaube, daß auch bey diesem sei-
ner Art nach mehr schöne Worte als wirklicher gehalt vorherrschen dürfte)
des Weiteren erzählen will. diesen will ich also vorerst abwarten, auf jeden
fall aber, und auch wenn derselbe bis dahin nicht ankäme, in der mitte der
künftigen Woche auf ein paar tage nach triest fahren.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien