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Februar 1843
Campe schrieb neulich, er habe bereits eine zweyte Auflage von „Oester-
reich und dessen Zukunft“ verfügt, die nächstens erscheinen werde, so kam
also das korrigirte Exemplar zu spät, und die 2. Auflage dürfte so unkorrekt
erscheinen als die erste. das thut mir leid.
man spricht hier viel und witzelt bedeutend über eine italienische über-
setzung ich weiß nicht mehr welches gebethsbuches, die hier zu einem
wohlthätigen Zwecke erschienen ist und von der erzherzoginn herrühren
soll, da kömmt denn als Zugabe ein gebeth für einen verstorbenen gelieb-
ten (Paul d’Adda) vor, welches dann zu vielen spöttereyen Anlaß gibt, be-
sonders da der Ausdruck wiederholt darin vorkömmt, daß dieser verlust
ha lasciato un vuoto (eine leere) in me. so wenig ich auch geneigt bin, die
Parthei der viceköniginn in irgend einer hinsicht zu ergreifen, so widerlich
berühren einen doch derley flache und gemeine Witze über ein Produkt,
welches so sichtlich ein Ausfluß ihrer innersten und schmerzlichsten Emp-
findungen ist.
in venedig, wo es fortwährend sehr viele fremde gibt, war letzthin ein
großer Skandal: eine Gräfinn Oczarowska bekam durch ein Versehen zu-
fällig einen Brief zugeschickt, welchen die gemahlin des dortigen guberni-
alvicepraesidenten sebregondi, eine junge ziemlich hübsche mailänderin,
an eine andere oczarowska nach Warschau geschrieben und worin sie sich
nicht nur über ihre namensverwandte in venedig, sondern überhaupt über
die in diesem Jahre dort sich aufhaltenden fremden auf das ausführlichste
und härteste ausließ. diesen Brief verlas nun die oczarowska öffentlich im
casino zu venedig sammt der erwiderung, womit sie ihn an die schreibe-
rinn zurücksandte. Was weiter aus der geschichte geworden, weiß ich bis
jetzt noch nicht.
heute neue oper: i lombardi alla prima crociata von verdi, dem ton-
setzer des nabucco. daher gespannte erwartung, ein beyspiellos volles und
aufgeregtes haus und ein succès über alle Begriffe, wahrer eigentlicher
furore, der beynahe zum tumulte ward, so daß einmahl der vorhang fallen
mußte, und das mit recht, denn die musik ist streckenweise herrlich.
neulich war ein großer und schöner Ball bey spaur, einige tage früher
ein kleinerer bey melzi, und diese tage wieder ein solcher, dazwischen ca-
sinobälle etc.
in Barcelona dürfte es nächstens zu einer neuen empörung kommen,
und daran ist das thörichte, unentschlossene Benehmen der regierung
(trotz des Belagerungsstandes) schuld. die contribution von 12 millionen
realen ist noch immer, trotz mehrfacher fristverlängerungen, nicht ein-
mahl zur hälfte eingegangen, der generalcapitän seoane zaudert und kon-
sultirt, schickt couriere nach madrid, statt einen energischen schlag zu
führen. die maßregel der militairischen einquartirung bey den säumigen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien