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Februar 1843
meiner Privatstudien Aufschlüsse ertheilen, und ich wüßte nicht, welchen
Grund Kolowrat gehabt haben könnte, diese Ausflucht zu ersinnen, es wäre
denn, um dem erzherzoge eine plausible Antwort zu geben.
Wie dem auch sey, ich bereitete mich nun auf meine reise nach triest,
hatte bereits meinen urlaub genommen, den Platz auf dem courier ge-
zahlt, und wollte morgen donnerstag abfahren. Als ich nun vorgestern zu
graf spaur kam, um ihn um die Paßbewilligung zu ersuchen, kam mir die-
ser gleich mit der nachricht entgegen, daß über mein gesuch wegen mei-
ner Beförderung so eben eine Allerhöchste entschließung erfolgt sey, der
kaiser wolle nämlich nach sechs monathen einen abermaligen Bericht über
mich haben, worauf dann die entscheidung erfolgen werde.
unter diesen umständen meinte spaur, daß eine wenn auch noch so
kurze urlaubsreise in dem jetzigen Augenblicke höchst unpassend seyn
würde. hierauf kam eine fluth von wohlgemeinten ermahnungen und
rathschlägen, wenigstens durch diese 6 monathe recht fleißig zu seyn und
mich von mailand nicht zu entfernen, Bemerkungen über meine vielen und
wiederholten urlaube (das wahre steckenpferd spaur’s, für den es keinen
größeren gräuel gibt als einen urlaub, welcher selber in seinen 44 dienst-
jahren nur einen urlaub hatte und von diesem nur die hälfte benützte)
etc. ich erzählte ihm als erwiederung hierauf ganz offen den stand meiner
Angelegenheiten, die schritte, welche ich seit einem Jahre und namentlich
seit meiner rückkehr von Wien in Betreff meiner reiseprojekte gethan, die
Aufmunterung, welche dieselben da und dort und vornehmlich bey stadion
gefunden, und wie es daher eben jetzt unumgänglich nothwendig wäre, um
die sache endlich zu einer entscheidung zu bringen, mich ihm persönlich
vorzustellen und von seiner seite einen decisiven schritt zu provociren, und
wie dieses der alleinige Beweggrund meiner reise sey. Alles dieses machte
aber auf ihn, als eine eingefleischte kanzleynatur, nur einen mäßigen ein-
druck, er meinte, ich müsse mich denn für das eine oder das Andere deci-
diren, denn wenn ich noch länger so zwischen den Beyden herum lavirte,
so könnte ich leicht zwischen zwey stühlen auf die erde zu sitzen kommen.
darauf entgegnete ich, mein entschluß wäre schon längst getroffen, jedoch
müsse ich vorerst eine definitive Zusage des einen haben, um nicht auf das
ungewisse hin das Andere zu verlassen.
kurz, wir sprachen viel hin und her, aber was war da zu thun? Auf meiner
sofortigen reise bestehen, wäre (obwohl graf spaur meinte, ich solle mich
ganz nach eigenem ermessen entschließen, er lasse mir freye Wahl) nicht
viel besser gewesen, als mich mit ihm überwerfen, zudem konnte ich mir von
dieser triester reise auch kein gewisses resultat versprechen, es war mehr
ein coup de hasard et de désespoir, welcher ebensoleicht gut als schlecht aus-
fallen konnte, besonders nach dem, was stadion mir letzthin durch Wald-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien