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hung, und die Aufregung (auch deßwegen, weil die lottodirektion bey dem
großen Andrange gewisse nummern gesperrt hatte) so groß, daß man eine
bedeutende bewaffnete macht aufbiethen mußte, um dem volke zu imponi-
ren. so demoralisirt die regierung mit vorbedacht.
manchmal fällt mir bey, wie so ganz durch und durch antiaristokratisch
die Bestrebungen seyen, mit denen ich mich jetzt ausschließend befasse,
noch vor 100 Jahren, was hätte ein edelmann dazu gesagt, wenn man
ihm hätte zumuthen wollen, sich so zu sagen zum commis voyagens des
handelsstandes zu machen? und doch sind dieses jetzt die wichtigsten
fragen der Zeit. der Preis der Baumwolle, des Zuckers und kaffehs, die
höhe der Arbeitslöhne und Ausdehnung der maschinenfabrikation, das
sind die pivots, um welche sich unsere Politik dreht. und doch will es mich
manchmal bedünken, daß dergleichen dinge die mühe nicht verdienten,
welche ich mir um ihretwillen gebe. eine handelspolitik im großen ist
großartig und einer jeden stellung, eines jeden geistes würdig, aber diese
technischen krämer détails, wie man sie jetzt von mir verlangt, stehen
für mich denn doch zu tief, und doch studire ich sie mit eifer, ja sogar mit
interesse, eben weil man sie von mir verlangt. das Zeitalter der Poësie und
der Aristokratie ist vorüber, soviel ist gewiß, aber trotz alles versunken-
seins in den geist unseres Zeitalters ist es mir doch nicht möglich, der ver-
gangenheit zuweilen einen wehmüthigen rückblick zu versagen. soviel,
um den allgemeinen Zoll angeerbter standesbegriffe abzutragen. übrigens
ist auch hier, wie überall, diese meiner thätigkeit gegebene richtung mir
nicht um ihrer selbst willen, sondern nur wegen des höheren Zweckes,
theuer, und dieser Zweck ist wieder nur mein eigenes ich, ein konsequen-
ter, klar durchdachter egoismus, jedoch höherer Art: nicht des materiel-
len, momentanen Wohlseyns halber, sondern ein streben nach ruhm und
macht. nur dieses ist ein Zweck, Alles Andere mittel, welcher ich ohne
mich zu besinnen entsagen würde, wenn ich es nicht mehr für zweckdien-
lich erkennen sollte. mit solchen grundsätzen kann man nie wanken, noch
unschlüssig bleiben.
unangenehm aber berührt es mich, so oft ich in den Biographieen ausge-
zeichneter menschen von dem erhebenden, geist und gemüth aufregenden
umgange lese, welchen sie fortwährend mit geistes- und sinnesverwandten
oder überhaupt mit bedeutenden männern ihrer Zeit gepflogen. mir war bis-
her nichts dem ähnliches gegönnt, ich habe dieses bedeutendste Bildungs-
mittel, diesen größten aller genüsse fast immer entbehrt, ich habe noch kei-
nen menschen gefunden, gegen den ich Alles das hätte aussprechen können,
womit mein geist sich beschäftigt, und von dem ich in dieser Beziehung ler-
nen konnte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien