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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher368 hung, und die Aufregung (auch deßwegen, weil die lottodirektion bey dem großen Andrange gewisse nummern gesperrt hatte) so groß, daß man eine bedeutende bewaffnete macht aufbiethen mußte, um dem volke zu imponi- ren. so demoralisirt die regierung mit vorbedacht. manchmal fällt mir bey, wie so ganz durch und durch antiaristokratisch die Bestrebungen seyen, mit denen ich mich jetzt ausschließend befasse, noch vor 100 Jahren, was hätte ein edelmann dazu gesagt, wenn man ihm hätte zumuthen wollen, sich so zu sagen zum commis voyagens des handelsstandes zu machen? und doch sind dieses jetzt die wichtigsten fragen der Zeit. der Preis der Baumwolle, des Zuckers und kaffehs, die höhe der Arbeitslöhne und Ausdehnung der maschinenfabrikation, das sind die pivots, um welche sich unsere Politik dreht. und doch will es mich manchmal bedünken, daß dergleichen dinge die mühe nicht verdienten, welche ich mir um ihretwillen gebe. eine handelspolitik im großen ist großartig und einer jeden stellung, eines jeden geistes würdig, aber diese technischen krämer détails, wie man sie jetzt von mir verlangt, stehen für mich denn doch zu tief, und doch studire ich sie mit eifer, ja sogar mit interesse, eben weil man sie von mir verlangt. das Zeitalter der Poësie und der Aristokratie ist vorüber, soviel ist gewiß, aber trotz alles versunken- seins in den geist unseres Zeitalters ist es mir doch nicht möglich, der ver- gangenheit zuweilen einen wehmüthigen rückblick zu versagen. soviel, um den allgemeinen Zoll angeerbter standesbegriffe abzutragen. übrigens ist auch hier, wie überall, diese meiner thätigkeit gegebene richtung mir nicht um ihrer selbst willen, sondern nur wegen des höheren Zweckes, theuer, und dieser Zweck ist wieder nur mein eigenes ich, ein konsequen- ter, klar durchdachter egoismus, jedoch höherer Art: nicht des materiel- len, momentanen Wohlseyns halber, sondern ein streben nach ruhm und macht. nur dieses ist ein Zweck, Alles Andere mittel, welcher ich ohne mich zu besinnen entsagen würde, wenn ich es nicht mehr für zweckdien- lich erkennen sollte. mit solchen grundsätzen kann man nie wanken, noch unschlüssig bleiben. unangenehm aber berührt es mich, so oft ich in den Biographieen ausge- zeichneter menschen von dem erhebenden, geist und gemüth aufregenden umgange lese, welchen sie fortwährend mit geistes- und sinnesverwandten oder überhaupt mit bedeutenden männern ihrer Zeit gepflogen. mir war bis- her nichts dem ähnliches gegönnt, ich habe dieses bedeutendste Bildungs- mittel, diesen größten aller genüsse fast immer entbehrt, ich habe noch kei- nen menschen gefunden, gegen den ich Alles das hätte aussprechen können, womit mein geist sich beschäftigt, und von dem ich in dieser Beziehung ler- nen konnte.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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