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März 1843
[mailand] 28. februar
endlich habe ich letzthin an Waldstein geschrieben, ich erzählte ihm, wie
erzherzog stephan mir mitgetheilt hätte, daß er bey seinen Bemühungen zu
meinen gunsten zwar überall die größte Aufmerksamkeit und Anerkennung
der nützlichkeit meines vorschlages gefunden habe, daß man aber hinzuge-
setzt habe, man müsse vor Allem über meine specielle Befähigung zu dessen
Ausführung im reinen seyn. nun hätte ich zwar dem erzherzoge geantwor-
tet, der kürzeste Weg, um dieses zu erfahren, wäre der, mir eine einschlägige
Arbeit abzufordern, bey unserem regierungs-schlendrian aber könne ich ein
solches kaum erwarten, und daher sey es meine Absicht, in kurzem nach
triest zu kommen, wo ich ohnehin geschäfte hätte, die eben auf diesen ge-
genstand Bezug haben, und graf stadion zu befragen, ob er ein bezügliches
mémoire von mir annehmen und darüber meinen Antrag höheren ortes in
geeigneter Weise unterstützen wollte? hierüber möchte er mir seine Ansicht
mittheilen, übrigens diesen Brief stadion vorlegen oder nicht, je nachdem er
es für besser halte. Wir wollen nun sehen.
diese tage erhielt ich von dem ferdinandeum zu innsbruck ein diplom
als mitglied.
gestern großer fiasco im theater eines Ballettes: la Peri, komponirt von
taglioni, worin seine tochter tanzte, welche letztere übrigens in diesen fi-
asco durchaus nicht inbegriffen war. im übrigen Bälle etc. wie gewöhnlich in
dieser letzten faschingswoche, ein großer Ball bey cicogna etc., das Wetter
war bis vor wenig tagen scheußlich, nun wechselt regen mit sonnenschein,
der carnevalone scheint spärlich ausfallen zu wollen.
[mailand] 6. märz
diese Prophezeyung ist dann doch durch eine ganz besondere gunst des
himmels zu schanden geworden. der carnevalone war diesesmal so glän-
zend, als ich ihn in diesen 3 Jahren niemals gesehen. die beyden großen
maskenbälle im theater sehr brillant, am ersten Abende hatte ich ein sehr
hübsches souper bey spaur in der loge mit erzherzog carl ferdinand,
Walmoden etc., am zweyten ein kleineres wieder bey spaur, eine unzahl
masken liefen auf mich zu, ohne mich jedoch sonderlich zu amusiren, jedoch
mit einigen Ausnahmen, darunter eine niedliche hübsche neapolitanerinn,
welche, wie sich dann ergab, eine durch unglück und liebe um ihre nase
gekommene junge tänzerin war. Auch das sacktuch, welches ich seit vo-
rigem Jahre bey mir aufbewahrt hatte, wurde mir gleich in allem Anfange
abgefordert, und ich gab es, ohne mich viel weiter einzulassen, sosehr sie
es auch zu wünschen schien, denn mein gedächtniß sagte mir, daß es nicht
sehr der mühe werth seyn würde. über eine andre, pikantere Aventure zu
berichten, welche mich am 2. Abend bis 6 und tags darauf am casinoballe
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien