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März 1843
theaters zu wissen, wo man am Abende sein haupt hinlegen soll), so bin
ich darüber doch wahrhaft froh, denn das alltägliche stundenlange geschrey
und Brüllen, wie es besonders in den letzteren Wochen, wahrscheinlich in
folge des durchfalls des letzten Balletts der taglioni, la Peri, zur mode ge-
worden war, wurde wirklich unausstehlich und erschütterte die nerven. ta-
glionisten und cerritisten wetteiferten in der Anzahl der chiamate, wurde
die eine heute 14 mahle gerufen, so wurde es die andere 15 mal am folgen-
den tage, und so steigerten sich beyde Partheyen bis ins unendliche. dabey
wurde das mit einer Animosität betrieben, die ebenso komisch als wegen
der beständigen und mitunter heftigen discussionen, in die man verwickelt
wurde, unangenehm war, besonders war dieses bey mir der fall, da ich, ob-
wohl Anfangs und auch jetzt noch entschiedener Bewunderer der taglioni,
doch durch die leidenschaftlichkeit und mitunter auch wahre gemeinheit
der Ausfälle der taglionisten (zu welchen beynahe die ganze Aristokratie,
vornehmlich aber Pachta und die spaur’sche loge gehörte, in welcher ich
allein den moralischen muth hatte, zuweilen die cerrito zu applaudiren
trotz aller Ausfälle und meckereyen, mit denen man mich verfolgte) gegen
die arme cerrito bewogen ward, ihre Parthey zu nehmen, man hörte von
nichts Anderm sprechen als davon, und es gab die spaßhaftesten Anekdo-
ten. An den drey letzten tagen nun wurden die drey lionnes, die frezzolini
(diese und zwar mit recht ganz besonders), taglioni und cerrito, im eigent-
lichsten sinne mit Blumen überschüttet, und am ersten tage dauerte das
theater bis 1/2 4 uhr morgens. da gab es dann eine serenade für die cerrito
und eine menge andres dumme Zeug, eine subscription zu einer medaille
für die taglioni, an der ich auch theil nehmen mußte, und die durch ihren
liebhaber fürst trubetzkoi, einem ganz ordentlichen angenehmen jungen
menschen, der sich aber trotz dem bey dieser ganzen sache sehr lächerlich
machte, veranlaßt wurde.
ich war ziemlich oft und viel zu beyden Antagonistinnen gegangen, da ich
beyde von früher her kannte. die taglioni ist eine vollendete grande dame,
von den besten manieren und der angenehmsten conversation. die cerrito
dagegen ist eine ganz gute, noch ziemlich unterthänige grisette, gestern war
ich bey ihr, ihr glückliche reise wünschen, sie dankte mir sehr herzlich für
die rücksichtslose theilnahme, welche ich ihr aus der ihr so feindlichen loge
des gouverneurs gespendet hatte, und gab mir als Andenken die bey dieser
gelegenheit auf sie verfaßten gedichte.
der hof ist seit dem 17. hier, jedoch ist gabrielle, welche bestimmt war
ihn zu begleiten, zurückgeblieben, da sie tags zuvor die gelbsucht bekam,
doch glaube ich, daß sie übermorgen kommen wird.
salm ist vor einigen tagen nach Prag abgereist, wo er zum vieceprae-
sidenten ernannt ist und während der längeren Abwesenheit chotek’s das
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien