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April 1843
dings unklug und mit übertretung ihres reglements, unmittelbar an ihn
gewandt hatten, um erweiterung der Befugnisse der reichsstände und Auf-
hebung des censurgesetzes bittend, eine Antwort ertheilt, worin er damit
droht, die Provinzialstände nicht mehr zu berufen, und seine verpflichtung
zur Berufung allgemeiner reichsstände läugnet, indem das versprechen von
seinem vater, nicht von ihm, gegeben worden sey, eine neue staatsrechtliche
maxime, welche die könige jetzt einführen (hannover gab das Beyspiel1),
ihre verpflichtung durch die handlungen ihrer vorfahren abzuläugnen,
aber wie, wenn die völker anfingen, sich zu demselben Prinzipe zu beken-
nen? Aber sieh dich vor, könig der Preußen! Wenn du geglaubt hast, die
concessionen deiner ersten regierungsjahre würden als unverdiente, un-
verhoffte gaben, wie sie die götter spenden, aufgenommen werden, man
würde sie nicht als ein recht, sondern als ein geschenk entgegennehmen
und keine weiteren forderungen stellen, wenn du auf eine mittelalterliche
loyalität und treue rechnetest, so hast du das Jahrhundert ganz erstaun-
lich falsch begriffen. schon von Anfang an mißfiel mir an ihm das ewige her-
vorstellen seiner individualität, seine religiös-romantische tendenz, und
ich dachte, daß solche menschen, wenn ihr stolz, ihre herrschsucht verletzt
werden, gewöhnlich die ärgsten despoten werden. so wäre kaiser Alexander
geworden, hätte er gelebt, so war er schon zum theile, als er starb.2
doch kann ich noch nicht glauben, daß es in Preußen dahin kommen
werde, denn was wäre Preußen, wenn deutschlands sympathien sich von
ihm abwenden würden? Auch ist das liberale element doch schon zu stark.
elise Berndis ist schon seit 3 Wochen hier, doch sehe ich [sie] nicht so oft
wie sonst, obwohl noch immer oft genug. sie hat einen fehler, der mir un-
ausstehlich ist, es sieht bey ihr immer so unreinlich und unordentlich aus,
daß es mir wahrhaften ekel verursacht, zudem langweile ich mich auch be-
deutend.
[mailand] 9. April
es ist jetzt schon ganz frühling. der ganze märz war herrlich, und nun ist
es schon so warm, daß man anfängt, den schatten zu suchen.
gabrielle ist seit dem 27. hier, obwohl noch nicht ganz von ihrem leber-
leiden hergestellt, und spricht nur von der angenehmen Zeit, die sie in ve-
nedig zubrachte, und hauptsächlich von dem Palfy’schen salon, welcher eine
1 gemeint ist die Aufhebung der verfassung durch den neuen könig ernst August im Jahre
1837.
2 die regierungszeit von Zar Alexander i. (1801–1825) war anfangs geprägt von einer spür-
baren reformpolitik, die jedoch später durch eine zunehmende autokratische reaktion
überlagert wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien