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kleine, jedoch sehr gewählte cotterie versammelte, nämlich Jablonowsky,
marmont, hildprandt, hugo nostitz, Paul Zichy, Jeanne Pallavicini-nugent,
Pascotini etc. ein solcher salon und eine angenehme conversation sind
zwey dinge, die ich nun, seit ich in mailand bin, leider ganz vergessen habe,
hier gibt es keine fremden, und die einheimischen verschanzen sich hin-
ter ihrem affektirten nationalsinn (an welchem übrigens nicht ein funken
Wahrheit ist) und werden dadurch ganz provinziell armselig und für ihre
landsleute selbst ungenüßbar, wenigstens für solche, die eine geistreiche
conversation zu schätzen und zu führen wissen, und deren sind freylich sehr
wenige. das Angenehme, was der hiesige Aufenthalt biethet, besteht in der
völligen ungebundenheit in den materiellen, in gewisser hinsicht auch gei-
stigen (z.B. in hinsicht von Buchhandlungen, Journalen etc.) ressourcen
einer großen stadt, in der nähe des Auslandes zum Behufe kürzerer excur-
sionen und in der materiellen schönheit der stadt mailand. dagegen steht
man nirgends so allein, führt man nirgends ein so einförmiges leben und
muß nirgends jede gemüthliche sowohl als den geist aufregende conversa-
tion und umgang entbehren, als hier. Würde man z.B. glauben, daß, nach-
dem ich nun seit bald 3 Jahren hier bin und doch wahrhaftig nicht zu den
ungeselligen menschen gehöre, ich jetzt, wo die scala geschlossen ist, darauf
reducirt bin, den größeren theil meiner Abende zu hause zuzubringen, wor-
über ich zwar gar nicht ungehalten bin. ich fühle mich nämlich nicht dazu
aufgelegt, die langweilige, einfärbige, sich ewig wiederholende coterie der
3 oder 4 hiesigen deutschen Weiber zu frequentiren, und somit bleibt mir
nichts anders übrig, als meine Abende in single blessedness zuzubringen,
ausgenommen wenn ich zu meiner schwester, zu spaur, höchst selten zu
Berchtold gehe, oder zuweilen, was immer eine Art von ereigniß ist, in einen
italienischen salon meinen fuß setze. so brachte mir die letzte Zeit ein paar
musikalische soiréen: eine bey meiner freundin carpani, zu der ich oft und
gerne gehe, weil sie von geist und Witz, freylich meistens ziemlich unlautere
Witze, übersprudelt, wo Joseph Poniatowsky, die sanchioli und carissimi,
vitali, spagliardi etc. sangen. eine andere Abendakademie hatte ich letzthin
beym berühmten compositeur vaccaj im conservatorio, wo eine Polin, frau
v. hippersthal, die sanchioli und franchetti, daville etc. die norma sangen.
Alles das sehr schön, doch ausschließlich für die ohren, höchstens auch noch
für die Augen.
ich habe wieder etwas für die unsterblichkeit geschrieben, nämlich eine
Arbeit in die Allgemeine Zeitung. es stand letzthin ein Aufsatz aus triest
darin, worin von der bevorstehenden eröffnung des handels nach china,
von dem durchstiche der landenge suez als von ausgemachter sache, und
sonach von der ungeheuern Zukunft des triester handelsverkehrs mit ost-
indien in viel zu sanguinischen Ausdrücken gesprochen wurde. das reizte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien