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April 1843
mich zu einer erwiederung, um, ohne diesen hoffnungen und Bemühungen
die gebührende Anerkennung zu versagen, sie auf ihren wahren Werth zu-
rückzuführen, und zugleich die weit größere Wichtigkeit darzuthun, welche
der handel mit süd- und mittelamerika für oesterreich und deutschland
habe. ich schrieb denn auch sogleich einen Artikel, welcher etwas lang aus-
fiel, worin ich aber ohne Anspruch auf vollständigkeit und system bloß
flüchtig die hauptumrisse meiner ideen hinwarf und vornehmlich durch
numerische daten das auffallende verhältniß nachwies, in welchem die
einfuhr Amerikas in den hauptgegenständen des Welthandels (Baumwolle,
Zucker, caffeh, tabak, cacao, indigo, häute etc.) zu der einfuhr derselben
Artikel aus anderen Welttheilen steht.1
es ist meine Absicht, diese meine überzeugung von der immensen Wich-
tigkeit des amerikanischen handels in längern Artikeln in der Allgemeinen
Zeitung zu entwickeln und so auf die öffentliche meinung in oesterreich,
und vielleicht auch auf die regierung, zu gunsten meiner Pläne zu wirken.
um aber die dazu nothwendigen materialien und neuesten fortlaufenden
mittheilungen aus den genannten ländern zu erhalten, bath ich dr. kolb,
als ich ihm den obigen Aufsatz zusandte, mir dieselben von dr. friedrich
list, dem großen Zollvereinsagitator (wie ihn die englischen Journale nen-
nen) zu verschaffen. niemand ist wohl in deutschland im Besitze so umfas-
sender verbindungen als er.
nach ostern denke ich auf 2–3 tage nach triest zu gehen, bisher konnte
ich nicht wegen der rekrutirung bey der delegation, während charwoche
und ostern lassen sich keine geschäfte abmachen, und am 4. oder 5. may
muß ich jedenfalls wieder hier seyn, weil da die rekrutirung von neuem
anfängt. daher ist mir die Zeit ziemlich genau vorgeschrieben. leider ist
am 26. generalversammlung der gesellschaft des lloyd in triest, daher die
herrn eben um diese Zeit sehr beschäftiget.
dieser tage hatte ich eine ziemlich lebhafte diskussion mit dem erzher-
zoge, und zwar über das Pönitentär-system. ich hatte nämlich eine Audi-
enz bey ihm, und das gespräch kam auf die in Piemont kürzlich errichteten
neuen strafhäuser nach dem Auburn’schen system (welche ich mir vor-
nehme, bey gelegenheit einmahl zu besuchen).2 da wurde der vicekönig mit
einem mahle ganz hitzig und erklärte, daß er ganz gegen diese neuen sy-
steme sey, obwol diese nun zur modesache geworden wären, er aber sey kein
mann nach der mode. da seyen unsere gegenwärtigen gefängnisse noch viel
1 Allgemeine Zeitung (Augsburg) v. 12.4.1843, Beilage 773–775: deutschland und der mit-
tel- und südamerikanische handel im vergleich mit dem indisch-chinesischen. Aus der
österreichischen monarchie. ende märz.
2 vgl. zur gefängnisreformdebatte eintrag v. 19.1.1843.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien