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Tagebücher378
besser, es sey eine grausamkeit, ein beständiges stillschweigen aufzulegen,
die disciplinarstrafen sogar zahllos und grausam (nach dem Auburn’schen
freylich, nicht aber beym pensylvanischen systeme), die Zahl der recidiven
werde dadurch nicht vermindert, wohl aber die fälle des Wahnsinnes ver-
mehrt etc. kurz, es schien mir aus dem ganzen nebst der gewöhnlichen gei-
stesarmuth und neuerungsfurcht des guten herrn auch noch eine Art von
rivalität und eifersucht gegen den nachbarkönig hervorzuleuchten. und an
solchen klippen scheitern die größten und heilsamsten reformen!
die erzherzoginn geht heute Abend sammt tochter, nur von crivelli und
isabelle strasoldo begleitet, nach turin auf Besuch und wird einen monath
ausbleiben.
meinen langweiligen freund und Zimmernachbar aus Wien im vorigen
Jahre, dolgoruki, hat ein trauriges schicksal getroffen, er gab in Paris
kürzlich eine pseudonyme schrift sur les principales familles de la russie
heraus,1 mit einigen politischen Digressionen, welche dem Kaiser mißfie-
len, er wurde demnach stante pede nach Petersburg zitirt, und da dürfte es
ihm übel gehen, zum wenigsten bekömmt er sein lebtag keine erlaubniß
zum Reisen mehr. Die ganze russische Welt in Paris fiel, sobald die kaiser-
liche ungnade bekannt wurde, über den armen teufel her mit ächt natio-
naler gemeinheit der gesinnung.
Auch mein roman von der letzten faschingswoche her ist endlich zur
entwicklung gekommen. die dame, die in monza lebt, aber sehr viel hier ist,
hatte mir seit der letzten redoute (wo sie mir übrigens stand und nahmen
sagte, was aber nicht hinderte, daß ich Zweifel darüber behielt, die sich aber
dann aufklärten) viel zu schaffen gegeben, und es war eine mysterieuse cor-
respondenz eingetreten, bis in diesen letzten tagen endlich Alles in ordnung
kam, i.e. the thing was settled. es ist eine schöne, stattliche, kohlschwarze
sinnliche italienerinn, wir wollen sehen, wie lange sie mir gefallen wird, viel-
leicht ziemlich lange, da von einer entrevue zur andern doch 8 und vielleicht
auch mehr tage vergehen dürften.
[mailand] 23. April
diese letzte Zeit war eine sehr mühsame und gehetzte, die charwoche
brachte hofdienste und kirchengänge ohne ende, fußwaschungen, Aufer-
stehungen etc., dann am 19. der nahmenstag des kaisers, daher hochamt
und tedeum, revue, Parade, gratulationen, théatre paré etc. dieses letz-
1 notice sur les principales familles de la russie (Paris 1843). das Buch erschien zunächst
unter dem Pseudonym comte d’Almagro, aber noch im selben Jahr unter der französischen
form des namens des Autors, Pierre dolgorouky (d.i. Petr dolgorukov). siehe auch eine
moderne Neuauflage nach der Ausgabe Berlin 1858 (Osnabrück 1988).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien