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Tagebücher386
diese tage war gottfried hier, von Piacenza, wo er gegenwärtig liegt.
ich hatte ihn schon seit 2 monathen nach mailand berufen, da ich mit ihm
zu sprechen hatte. sein vormund desimon hatte mir nämlich eine äußerst
ungünstige conduiteliste über ihn eingeschickt und zugleich einen Brief
seines obersten Palffy mitgetheilt, worin gesagt wurde, daß unter diesen
umständen im falle eines eintretenden Avancements eine Praeterirung un-
vermeidlich, und es daher besser wäre, wenn gottfried zu einem anderen
regimente zu kommen suchte. darüber wollte ich dann, ehe einen schritt zu
unternehmen, nähere Aufschlüsse haben. gottfrieds erscheinung hat mich
nun ziemlich befriedigt und beruhigt, er hat seit der Zeit, als ich ihn zu-
letzt gesehen, sowol äußerlich als im charakter unläugbar sehr gewonnen,
auch der dienst freut ihn jetzt, und er scheint mir ganz auf gutem Wege.
soviel ich merkte, hatte man sich Anfangs mit ihm vergriffen und durch zu
große strenge und geschrey etwas auszurichten geglaubt, während dieses
nur die Wirkung hatte, ihn zu verblüffen und muthlos zu machen. Jetzt, da
dieses aufgehört hat, geht Alles ganz gut, und er hat sich sogar, seit jene
conduiteliste verfaßt wurde (im oktober vorigen Jahres) das ausdrückliche
lob seines obersten verdient. sein hauptfehler ist noch immer eine unbe-
zwingliche indolenz, und diese wird wohl nie ganz aufhören, sonst aber ist
es ein vortrefflicher, gutmüthiger Bursche, ziemlich arm an geist, aber voll
ehrgefühl, welcher mir daher nie große ehre, aber auch gewiß nie schande
machen wird. er blieb 2–3 tage hier und wohnte bey mir.
Pachta hat mir von kotz ein Paket schriften über den böhmischen gewer-
beverein mitgebracht sammt einem ziemlich langen Briefe von demselben.1
keines von Beyden aber hat meinen Zweck erfüllt. die schriften beziehen
sich fast nur auf die organisation, die statuten und inneren verhandlungen
des vereines, und der Brief von kotz enthält bloß allgemeine theoretische
Auseinandersetzungen und déclarations de principes. eigentliche statisti-
sche daten, wie ich sie begehrte, fehlen ganz. doch ist hiermit der grund zu
einer correspondenz gelegt, und es freute mich, in kotz einen aufgeklärten,
praktischen, vielgebildeten mann zu erkennen, dessen Ansichten in vielen
Punkten ganz auffallend mit den meinigen übereinstimmen.
meine reise nach triest, welche ich nun seit 3 monathen von einer Woche
zur anderen verschiebe, denke ich endlich Anfangs Juny unternehmen zu
können. Bis dahin wird die rekrutirung (bey der ich übrigens nur selten be-
schäftiget bin) und eine unzahl anderer Amtsgeschäfte und commissionen
vorüber seyn, welche jetzt auf mir lasten. neulich hatte ich eine solche in
dem hiesigen strafhause, aus welchem in der vergangenen Woche 6 sträf-
linge entwischt sind.
1 dieser Brief von frh. christian v. kotz, datiert Prag 27.4.1843, liegt in k. 113, umschlag 663.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien