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Mai 1843
mit der eisenbahn nach venedig wird es nun endlich nach den in der ge-
neral-versammlung zu venedig am 24. vorigen monats gefaßten Beschlüs-
sen ernst, und die verakkordirung der 2 ersten sectionen von hier aus ist
ausgeschrieben.
mit dem sinelli’schen Attentate auf den vicekönig macht sich die Polizey
nach ihrer gewohnheit unnöthig viel zu schaffen, es wurden in allen kirchen
tedeums gelesen, und gestern, nach erfolgter rückkehr des erzherzogs aus
turin, war beleuchtetes theater, welches übrigens voller, und der Beyfall
lebhafter war, als ich gedacht hatte.
vorgestern erhielt ich einen Brief von mrs. horrocks mutter, welche mir
ganz vertraulich und als handle es sich von der abgemachtesten sache in der
Welt, mittheilt, daß sie wahrscheinlich bald nach Australien absegeln werde,
daß ich also vorher Auguste heirathen möchte, und zwar wo ich wollte, in
frankfurth, Paris, oder Brüssel, sie würde dahin kommen. Auguste habe
jetzt nicht viel, würde aber bald sehr wohlhabend werden, indem John eine
herde von 7000 schafen in Australien habe etc. ich muß nun an eine zierli-
che Antwort denken.
salons geschwätz: die flucht emile Belgiojosos aus Paris mit der com-
tesse de Plaisance, Julie samoyloff’s finanzverlegenheiten und negotiatio-
nen mit ihrer Ziehtochter Ahsbahs, die schwierigkeiten dieser letzteren, ei-
nen vormünder zu finden, um sich großjährig sprechen lassen zu können,
die fortdauernde krankheit erzherzog carl ferdinands, sophie hatzfeld’s
geschichten in neapel und ihr plötzliches erscheinen in münchen, wo sie
den jungen Bassenheim von seiner heirath abbringen wollte, sich aber dann
abkaufen ließ,1 der lebensgefährliche sturz léon rzewuski’s in Wien.
das hiesige jährliche Wettrennen auf der Piazza d’Armi hatte in verflosse-
ner Woche statt und fiel recht hübsch aus.
[mailand] 28. mai
endlich wird es ernst mit meiner reise nach triest, nächsten freytag am
2. Juny fahre ich ab, über venedig, und komme auf demselben Wege am 12.
früh wieder hier an. Alle Anstalten sind bereits getroffen, und wir wollen
sehen, was da herauskommen wird. gabrielle reist morgen ab, die erzher-
zoginn, welche noch immer in turin ist, hat ihr urlaub gegeben, um ihrer
gesundheit wegen nach carlsbad zu reisen, da auch sie und der ganze hof
1 graf hugo Philipp Waldbott von Bassenheim heiratete am 27.2.1843 Prinzessin karoline,
die tochter des bayerischen staatsrats und ehemaligen innenministers ludwig fürst oet-
tingen-Wallerstein. Sophie Gräfin Hatzfeld lebte getrennt von ihrem Gatten Graf Edmund
gottfried, einem „sardanapalischen Wüstling“, die ehe wurde aber erst 1851 nach einem
langen rechtsstreit geschieden. ihr Bevollmächtigter in diesen verfahren war ferdinand
Lassalle; vgl den Eintrag in Neue Deutsche Biographie. Bd. 8 (Berlin 1969) 67f.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien