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Juni 1843
speiste. der nachmittag verging unter abermaligen fruchtlosen versuchen
Waldstein zu finden, und verschiedenen andern Geschäften, darunter ei-
nes, bey meinem alten commissionär, dem guten alten esel tuzzi, geld zu
erheben. Abends war ich im theater bey Wimpfen, mit dem ich dann auf
die Bühne ging, um der schönen gefeyerten ristori meinen kratzfuß zu ma-
chen. hinsichtlich meines hauptgeschäftes wäre dieser tag also herzlich
so gut wie verloren. dafür werde ich aber morgen frühe zu Waldstein und
dann zu stadion gehen, der bereits durch Wimpffen von meiner Ankunft
weiß.
venedig 9. Juni früh
nach zwey sehr beschäftigten tagen bin ich nun wieder hier und habe erst
wieder Zeit, über das erlebte Bericht zu erstatten.
vorgestern am 7. ging ich denn ziemlich früh zu Waldstein, welchen ich
endlich und zwar im Bette fand, da er schon seit einiger Zeit unwohl ist. Wir
sprachen lange über den gegenstand meiner reise, und er wiederholte mir,
daß stadion mit meinen reiseprojekten nach America ganz einverstanden
sey, auch aus meinen Briefen eine vortheilhafte meinung über mich gefaßt
habe, jedoch der Ansicht sey, daß er mir viel nützlicher seyn könnte, wenn
die sache von Wien aus zur Äußerung an ihn käme, als wenn er sie motu
proprio in Antrag bringen sollte. nun war es aber eben der Zweck meines
Besuches in triest, stadion dahin zu vermögen, daß er ein mémoire von mir
annehme, worin ich ihm den Zweck und die Bedingungen meiner reise aus-
einander setzte, und dieses dann an Baron kübeck mit einem geeigneten
fürworte befördere. um mittag kleidete sich dann Waldstein an, um mich
zum gouverneur zu führen, wir mußten eine Zeit lang im vorzimmer war-
ten, und kamen dann hinein. W. stellte mich vor und empfahl sich sogleich.
Stadion empfing mich sehr freundlich, fing aber gleich damit an, ich
möchte morgen bey ihm essen, weil wir dann die sache mit muße bespre-
chen könnten, was ihm jetzt bey den vielen leuten, die im vorzimmer war-
teten, nicht möglich sey. Ich stellte daher für jetzt an ihn nur eine vorläufige
frage, nämlich ob und wo ich in triest einigermaßen befriedigendere Auf-
schlüsse über den Zustand unserer inländischen industrie erhalten könnte,
als ich bisher trotz aller mühe hätte sammeln können. und darüber gerie-
then wir in ein ziemlich langes gespräch über die schwierigkeiten, sich bey
uns diese statistischen notizen zu beschaffen, über die fruchtlosen ämtli-
chen und außerämtlichen schritte, die er selber zu diesem Zwecke gemacht
habe, und wie es in oesterreich niemand gebe, der solche kenntniß nur
einigermaßen vollständig besitze. das tröstete mich, indem es mir bewies,
daß ich in meinen schritten noch glücklicher gewesen als viele Andere. er
verbreitete sich über seine Absichten, diesem übelstande abzuhelfen und
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien