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beym lloyd eine eigene section deßhalb zu gründen, und wies mich wegen
meiner Wünsche an diesen. ich ging daher zu Waldstein in sein Bureau und
ließ mich von diesem zum lloyd führen, um dem director herrn v. Bruck
vorgestellt zu werden. da dieser gerade nicht zugegen war, so geschah diese
Präsentation im nahmen des gouverneur mittelst karte.
nachmittags 6 uhr ging ich dann wieder hin und fand Bruck, welcher
mich erwartete, wir sprachen lange und viel über unsere Angelegenheiten,
er theilte in vollem maße meine Ansicht von der überwiegenden kommer-
ziellen Wichtigkeit südamerikas für uns und von den geringen resultaten,
welche von der handelsmission zu erwarten sey, die die Börsedeputation
nach ostindien zu senden im Begriffe steht, beyde Ansichten fand ich bey
allen den einsichtsvollen männern vorherrschend, mit denen ich dießmahl
in triest in Berührung kam, und jene mission ist sonach vornehmlich in
stadions kopfe entsprungen, was mir auch dieser selbst bestätigte.
in Bruck fand ich einen ganz ausgezeichneten mann, noch mehr staats-
als kaufmann und voll der fruchtbarsten großartigsten ideen. übrigens
gestand er mir ein, daß ich in triest nur sehr wenig über die handelsver-
hältnisse etc. der südamerikanischen Plätze erfahren würde, versprach mir
aber, die Wenigen, welche darüber etwas wissen sollten, mit mir bekannt
zu machen. über das egyptische dunkel, worein unsere industriellen Zu-
stände verborgen sind, klagte er so wie stadion und ich, mehr aber noch
über den mangel an vertrauen, gutem Willen und an speculationsgeist bey
unseren industriellen, sollte man glauben, daß sie sich weigerten, den bey-
den Reisenden, welche nach Indien gehen sollen und nun vorläufig unsere
fabrikbezirke bereisen, sogar Waarenmuster unentgeltlich zu verabfolgen,
so daß diese gekauft werden mußten? darin sah er den hauptgrund unserer
noch so geringen Ausfuhr, nebstbey aber auch theils in der hinreichenden
Beschäftigung im inlande, theils in dem mangel an capitalien, welchem die
regierung durch errichtung von filialbanken abhelfen sollte. seine forde-
rungen gehen aber noch weiter: auf gewährung von Ausfuhrprämien und
Aufhebung des freyhafens in triest. Welche meinung auch stadion theilt.
über diese frage hatte sich im Journal des lloyd eine leidenschaftliche Po-
lemik entsponnen, welche eben erst, und zwar bloß der übertriebenen hitze
wegen, mit der sie geführt wurde, zu ihrem ende kam.
Als Bruck später zu einer sitzung abgerufen wurde, führte mich der re-
dakteur des deutschen Journales des lloyd, herr i. Papsch, ein lebhafter
gescheidter junger mann, in der druckerey, den Archiven etc. des lloyd
herum, und hierauf ging ich, nachdem ich noch alle Preislisten und han-
delstabellen, welche der lloyd von amerikanischen Plätzen besitzt, zur
durchsicht mitgenommen hatte. doch waren mir diese von geringem nut-
zen, denn außerdem daß sie bloß von nordamerikanischen (newYork, ne-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien