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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 398 -
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Tagebücher398 Woyna etc. die Prozession ansehen, welche als frohnleichnamsneuvaine heute statthatte, und sah meine blauen Wunder, Aposteln, ganz nackt, nur mit einem schaffelle bedeckt, Büßerinnen mit dornenkronen, könige und köni ginnen, ritter, heilige und engel, kurz ein completer götzendienst. Und da soll man Katholik seyn! Nachher wurde ein Bischen flanirt, und die Zeit verging sehr schnell, da wir liebe Bekannte fanden, und nach einer schönen Abendpromenade auf dem see fuhren wir allesammt wieder ab und waren spät in der nacht hier. Julie samoyloff ist nach ischia abgefahren, nachdem sie tags zuvor ihre Abreise noch im letzten Augenblicke wegen der krankheit ihrer tante ca- stiglioni contremandirt hatte. ich war an jenem Abende bey ihr und amu- sirte mich an der confusion und dem lärmen. Julie ist ziemlich gealtert und hat nun auf einmal die leidenschaft des Whistspielens bekommen. ich mußte oft die Parthie mit ihr machen. mad. duvernay, welche wider mein verhoffen noch hier war, schien ent- schlossen, mich nicht so leichten kaufs loszulassen, schrieb mir ein Billet über das Andere und that verliebt und eifersüchtig. das langweilte mich dann sehr, und ich machte mich auf eine gute Art los, doch nicht ohne mich 24 stunden lange beynahe wie ein spitzbube verstecken zu müssen. Jetzt hoffe ich, wird sie abgereist seyn. da lobe ich mir meine gute Bianconi. die lebt in monza und kommt ungefähr alle 8 tage einmahl herein, gênirt mich also gar nicht und hat nicht die geringsten Praetentionen. obwohl auch sie unendlich leidenschaftlich thut. Bey ihr aber glaube ich es noch eher, we- nigstens traue ich ihr eine italienische, ziemlich heftige leidenschaft zu. gabrielle hat die unglückliche idee gehabt, meinen Brief an erzherzog stephan nach münchen ihm nachzuschicken, was mir sehr fatal ist, da er von der reise aus weder in der laune noch in der lage seyn wird, sich für mich nach meiner Bitte zu verwenden, ich habe daher das unangenehme (denn unangenehm ist ein solcher schritt immer) ohne das resultat gehabt. ich bin noch nicht dazu gekommen, das versprochene mémoire und Brief an kübeck zu verfassen, ich war bisher nicht mit mir einig, ob es, da erzherzog stephan, wie ich vermuthete, meinen Brief nicht bekommen hätte, nicht vielleicht besser seyn dürfte, die ganze sache eine Zeit lang zu verschieben. Wenn ich nicht überzeugt seyn kann, daß kübeck über meinen Antrag un- mittelbar stadion befragen werde, so mag ich den schritt lieber gar nicht thun, weil ich vorauß sehe, daß eine Befragung meiner direkten chefs, d.i. inzaghy’s und spaur’s, nur zu einem fiasko führen und mir nebstdem noch in hinsicht meines Avancements schaden würde, welche letztere rücksicht freylich nur eine untergeordnete ist. dieses mein Avancement ist nun wie- der im Zuge, und zwar dießmal mit vollen segeln. nous verrons. Positiv ist mir der Ausgang höchst gleichgültig.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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