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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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Tagebücher406 Zustande wäre es des nebels wegen wirklich gefährlich gewesen den über- gang zu wagen, ich schob diesen daher wieder auf und trat endlich gegen 1 uhr bey noch ziemlich zweifelhaftem Wetter die reise an. diese ging durch eine stunde sehr steil und auf steinigten Wegen, jedoch immer auf der leuker hochebene bergan, dann kamen wir zu dem eigentlichen fuße des gemmi, welche für nervenschwache und dem schwindel unterwor- fene menschen so furchtbar ist. der Weg, meistens nur 3, nie über 5 fuß breit und ohne geländer, geht, in den stein gehauen, in tourniquets an den nackten, perpendiculair abschüssigen felsen hinauf, und dabey halten sich die maulthiere bekanntlich am äußersten rande des Abgrundes, es darf einem dabey also wohl Angst werden. Anfangs fühlte ich selbst ein we- nig furcht, später aber gewöhnte ich mich daran. ein paarmahle führt der Weg in seinen Zickzacks durch die links und rechts der felswand liegen- den schauerlich-schönen schluchten, sonst aber steigt man immerfort im Angesichte von leuk, bis man oben am gipfel ist, welches eine gute stunde währt. Dort aber fing mein Leid erst recht an, obwohl in anderen Jahren zu dieser Zeit auf dem Plateau der gemmi, wo wir waren, kein schnee oder doch nur wenig liegt, so sah unser Auge dießmal, so weit es reichte, nur ungeheure, dichte schneemassen, doch war der schnee an den mei- sten stellen nicht hart genug, um das maulthier und mich zu tragen. das thier, welches übrigens mit bewundernswerther vorsicht herum spähte, um einen festen Tritt zu finden, wollte daher oft nicht vorwärts, versank alle Augenblicke mit mir in den schnee, bald mit den vorder- bald mit den hinterfüßen, und dieses auf einer unebenen fläche, wo es bald auf, bald ab ging, so daß ich alle mühe hatte, im sattel zu bleiben, einmahl schlug es ganz hin, und ich machte mich nur durch einen schnellen sprung los, kurz es war eine harte stunde, denn so lange und auch noch länger dau- erte der schnee, im übrigen war es eine der grandiosesten gebirgsformen, die ich noch gesehen. das hohe Plateau, mitten darauf der noch theilweise zugefrorene dauben see, rings herum, wie die mauern einer festung, die nackten, kahlen felsenwände der gemmi, in deren oberstem krater wir ritten, und keinerley vegetation weit und breit, rechts ein Paar gletscher, von denen fortwährend Lawinen fielen mit bald größerem bald minderem getöse. das Plateau hat eigentlich drey Abtheilungen: die erste, kleinste und am wenigstens interessante, dann das Bassin des dauben sees, endlich das schon bedeutend niedrigere Plateau, auf welchem das Wirthshaus zum schwarzenbach gelegen ist. dort hielten wir eine Zeit lang an. dann ging es weiter, über zwey Alpenwiesen (sogenannte Almen) hinab, wo wir senner- hütten und viehherden fanden, und dann über einen steilen mit Wald be- wachsenen Berg herab, auf einem abscheulichen halsbrecherischen Wege,
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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