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August 1843
hader, und allem Anscheine nach ist bisher nur der erste Akt und vielleicht
der unblutigste des großen dramas zu ende. Wie aber espartero’s fortdau-
ernde unthätigkeit erklären? er hätte als soldat, fechtend bis zum letzten
Augenblicke, fallen können (und dann wäre er wahrscheinlich nicht gefal-
len) oder er hätte, als er das umsichgreifen der insurrection wahrnahm,
mit einer freymüthigen, männlichen Proclamation abdanken sollen, sich
gleichsam als opfer für die ruhe der nation darbiethend, wie napoleon
nach Waterloo, und dann hätte er viele chancen gehabt, nach kurzer Zeit
als triumphator zurückgerufen zu werden. Alles wäre besser gewesen als
diese unthätige und doch eigensinnige hartnäckige Ausdauer. es scheint
aber, als ob unsere Zeit keinen großen charakter aufkommen lassen könne.
lucern 9. August Abends
ich sitze nun den dritten tag hier und thue mir gütlich. das herumsteigen
in den Bergen habe ich satt, und wie das mir schon gewöhnlich geht, ist es,
seit ich hier bin, das herrlichste Wetter von der Welt, während ich immer
mit regen und kälte zu kämpfen hatte, so lange ich unterwegs war.
vorgestern früh verließ ich Alpnach in einem Boote und fuhr nach Win-
kel, von da spatzierte ich in 3/4 stunden zu fuße hieher und stieg in den
Balances ab. ich habe eine hübsche Wohnung mit einer superben Aussicht
und fühle mich ganz behaglich. ich habe viele Bekannte gefunden: vor-
erst Gräfin Bombelles, welche in einer Campagne vor dem Thore wohnt,
bey ihr meine gute Betsy. Dort bringe ich alle meine Abende zu. Gräfinn
ida ist oder thut wenigstens sehr traurig, weinte mir den ersten Abend
ein gutes stück vor, wünscht zu sterben und ist einen Augenblick später
gerade so ausgelassen lustig wie vor Zeiten, sie sprach mir auch von ihren
körperlichen leiden, die nichts weniger als der stein sind, sie möchte dieß
Jahr noch nach recoaro und den Winter in Parma zubringen, wohin ma-
rie louise sie eingeladen hat.1 eine merkwürdige thatsache, die sie mir
erzählte, ist der spuk, den es, während ihr mann in Wien starb, durch 5–6
tage in ihrem hause gab, und der in dem momente erst aufhörte, wo der
französische Botschafter bey ihr erschien, um ihr den tod des grafen anzu-
kündigen. es klopfte an allen thüren, schlug an den fenstern etc., rauschte
nachts über die fußböden und im garten, als ob da gemäht würde etc.
sie selbst war damals leidend und ahnte keine Bedeutung dieses lärmens,
sondern erklärte sich ihn auf natürliche Weise, erst später, als sie den tod
ihres mannes erfuhr, besann sie sich, daß dieses in einem Zusammenhange
1 Der Gatte von Gräfin Ida Bombelles, der österreichische Gesandte in Bern Graf Ludwig
Bombelles, war am 7.7.1843 gestorben. dessen Bruder charles-rené war seit 1834 mit
marie louise fürstin v. Parma verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien