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stehen dürfte. Alle diese thatsachen wurden mir auch von Andern konsta-
tirt.
Nebstdem sind noch hier: Marmont, Gräfin Esterhazy-Weissenwolf und
caroline starhemberg, die ich viel sehe und mit denen ich heute auf dem
Dampfschiffe fuhr, Gräfin Esterhazy ist eine der liebenswürdigsten an-
genehmsten frauen, die man sehen kann, weiter unser chargé d’affaires
Philippsberg und der Attaché graf Barthenheim. diese letztern sind leider
große fußparthienmacher, und ich habe meine liebe noth, mich von der-
gleichen Parthien, die ich verabscheue, los zu machen. heute nachmittags
fuhr ich auf dem dampfboote nach flüelen und zurück.
gestern war ich bey einer sitzung der tagsatzung, es kam nicht viel
interessantes vor, meistens über uniformirung und organisirung des mi-
litärs. morgen aber wird eine vorfrage über die Aargauische klostersache
zur Berathung kommen. diese sache selbst kommt leider erst in der künfti-
gen Woche. übrigens interessirte mich bey der gestrigen sitzung vornehm-
lich das Weggehen der kantonsgesandten, welche kanton pro kanton, mit
dem in die kantonsfarbe gekleideten Amtsdiener hinter sich, unter trom-
meln und lärmen abzogen, schwarz, mit degen und dreyeckigem hute.
hauptgegenstand des gespräches und der Journalistik ist eben jetzt
die entdeckung der kommunistischen umtriebe in der schweiz. deren
vornehmster chef, der deutsche schneidergeselle Weitling ist nämlich in
Zürch, wo er eine schrift herausgeben wollte, verhaftet, und diese mit Be-
schlag belegt worden.1 die regierung setzte eine eigene commission zur
Berichterstattung nieder, und dieser Bericht (von regierungsrath Blunt-
schli) ist nun sammt allen vorgefundenen Briefen, statuten etc. im drucke
erschienen.2 ich habe ihn gelesen, es ist hirnverrücktes, unklares Zeug,
eine Art von fourierismus. Weitverbreitete Associationen, von Paris aus
geleitet, erstrecken sich nun schon fast über die ganze schweiz und, wie es
scheint, nach deutschland bis jetzt zwar nur zum Zwecke der discussion
und Propaganda kommunistischer theorieen, ohne direkte Aufforderung,
sie ins Werk zu setzen. Weitling ist hierin nun schon einen schritt weiter
gegangen: er empfahl, jedoch war er damit erst im Beginnen und erfuhr
von Paris etc. her heftigen Widerspruch, ein stehlendes Proletariat, d.h.
ein allgemeines organisirtes stehlen, um so die reichen zu zwingen, ihre
1 Wilhelm Weitlings schrift das evangelium der armen sünder wurde im mai 1843 in Zürich
beschlagnahmt und Weitling wegen gotteslästerung zu einer sechsmonatigen gefängnis-
strafe verurteilt und nach deren verbüßung nach Preußen abgeschoben. die Arbeit er-
schien darauf als das evangelium eines armen sünders (Bern 1845).
2 (Johann kaspar Bluntschli), die kommunisten in der schweiz nach den bei Weitling vorge-
fundenen Papieren. Wörtl. Abdruck d. kommissionalberichtes an die h. regierung des stan-
des Zürich von dem Berichterstatter der verordn. kommission dr. Bluntschli (Zürich 1843).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien