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sagte, die hülfsmittel der stadt sehr bedeutend seyen, die der landschaft
hingegen nur geringe, so daß jene sich, als sie für Beyde ausreichen muß-
ten, zersplitterten. daran mag etwas Wahres seyn.
dessenungeachtet ennuyirte ich mich den Weg über weidlich, und als ich
mich auf dem misérabeln Pflaster müde gegangen hatte, meinen Banquier
Passavant besucht und hie und da einige kleine einkäufe gemacht hatte,
war ich froh, mich um 9 uhr zu Bette zu legen, nachdem ich die prima sera
auf ächt deutsche Weise in einem schönen kaffehhause jenseits der rhein-
brücke bey Bier, käse und Brod verbracht hatte. ich nahm mir im gasthofe
einen lohnbedienten nach BadenBaden mit, da ich die unmöglichkeit ein-
gesehen hatte, noch länger, wie bisher, ohne Bedienten in der Welt herum-
zuziehen, und sandte ihn sammt meiner Bagage hieher voraus.
gestern, sonntag, morgens um 11 uhr fuhr ich im omnibus meines
gasthofs nach s. louis zu der eisenbahnstation, und um 12 ging der con-
voi ab, es wunderte mich, daß mir der conducteur nicht erlaubte, in ei-
nen leeren Wagen zu steigen, indem er mir sagte: il n’est pas permis d’être
seul en voiture. übrigens fuhren wir ziemlich langsam, und es wurde alle
Augenblicke bey nicht weniger als 27 stationen angehalten. das land ist
in der Nähe von Basel ziemlich öde, flach und langweilig, nach und nach
aber, wie man in die nähe der vogesen kömmt, welche man fortwährend
in der entfernung von ungefähr einer halben stunde cotoyirt, recht freund-
lich und zuweilen sogar malerisch, besonders durch die menge zerstörter
ritterburgen, welche freylich mit den vielen großen fabriken, denen man
begegnet, auffallend kontrastiren. die Bahn berührt mühlhausen (von wo
die Zweigbahn nach thann geht) und colmar und geht bis königshofen,
von wo man mit omnibus in 1/4 stunde nach strassburg gebracht wird,
wo wir gegen 1/2 6 anlangten. ich stieg wie sonst im hôtel de Paris ab. da
eben sonntag war (welches übrigens nicht hinderte, daß die meisten läden
offen standen und selbst auf dem felde, wie ich unterwegs gesehen hatte,
gearbeitet wurde) so war große Bewegung von spatziergängern auf der Pro-
menade und militärmusik.
strassburg ist eine schöne, aufblühende stadt, und noch viel mehr so
ist es das land, das ganze elsaß, und mit Ausnahme des gemeinen volkes
schon sehr französisch geworden, das that mir wehe. das elsaß wäre für
deutschland eine Perle gewesen, warum dachte man 1815 nicht daran? der
Augenblick wird wohl schwerlich wieder kommen.
man hatte mir gesagt, die Ackerbaukolonie ostwald bey strassburg (bey
der die eisenbahn vorbey geht) wäre von communisten nach fourier’s
Prinzipien angelegt, und ich hatte daher die Absicht, heute morgens noch
hinaus zu fahren, um sie zu besichtigen, in strassburg aber erfuhr ich, daß
dieses durchaus nicht der fall sey, sondern daß es städtische grundstücke
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien