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August 1843
sind, welche die municipalitaet durch arbeitsfähige aber arbeitslose Arme
der stadt bebauen läßt, welche dann auch sammt ihren familien dort woh-
nen. da ich darüber näheres zu erfahren wünschte, so ging ich heute noch
auf die mairie, wo man mir mit vieler Bereitwilligkeit die darauf bezügli-
chen Brochuren und Pläne gab, unter anderen einen Bericht des maire,
herrn schützenberger, sur les causes du paupérisme, welche nach dem,
was ich bis nun davon gelesen habe, ganz vortrefflich zu seyn scheint.
um 11 uhr fuhr ich wieder in einem omnibus ab, durch strassburgs
endlose festungswerke an den rhein, und bestieg das dampfschiff, welches
uns in 2 1/2 stunden nach iffetzheim brachte, wo die Badner omnibusse
warten. von dort hieher fährt man 1 1/2 stunden. ich fand im hôtel de
Bade meine Wohnung bereits bestellt, sehr freundlich mit einer hübschen
Aussicht auf den garten. nach der table d’hôte ging ich zum cursaale, sah
dem spiele zu etc. und traf mehrere Bekannte, darunter Arthur Bathiany,
lotzbeck, grothus, Zimmermann etc. Abends war réunion, d.i. kleiner Ball,
wo auch die großfürstinn hélène und die herzoginn von nassau waren. ich
blieb nicht lange. Während der Zeit entstand großer lärmen, die Bank war
gesprengt worden, indem rouge 17 male hintereinander passirte.
[Baden-Baden] 19. August vormittag
es ist nun heute der fünfte tag, daß ich hier bin, und erst seit gestern habe
ich einige weibliche Bekanntschaften gemacht. man ist hier, und vielleicht
mit recht, nicht so leicht im Anknüpfen neuer Bekanntschaften, da es von
Abentheurern aller Art und von menschen aus der schlechtesten gesell-
schaft wimmelt, die alle durch das spiel herbeygelockt werden. Zudem ist
dieß Jahr die gute gesellschaft exklusiv russisch, beynahe ganz Petersburg,
so ziemlich die ganze créme von dort, ist hier, darunter einige englische
familien, sehr wenig franzosen, und von deutschen damen aus der großen
Welt gar niemand, so daß ich auch nicht eine bekannte frau fand.
Baden selbst ist ganz charmant, die Lage magnifique, und den ganzen
tag über ein treiben und gewühle ohne ende, réunions 3mal die Woche,
alle samstage großer Ball, wo aber die höhern klassen, wie man mir sagt,
nur wenig Antheil nehmen, theater, musik, spektakel ohne ende etc. vor
ein Paar tagen machte ein luftschiffer mr. margat, prémier Aëronaute de
S.M. le Roi des Français, seine Ascension, die sehr glänzend ausfiel. Er fiel
bey ettlingen, 1 1/2 stunden von hier, nieder. ein junger russe, veroffkin,
wollte an seiner statt aufsteigen, wurde aber von der Polizey daran ge-
hindert. gestern war ein sehr hübsches déjeuner (auf subscription) in der
maison de chasse, 1 stunde von hier, ungefähr 130 Personen. die stunde
war 2 uhr, die damen waren aber wie gewöhnlich so ungenau, daß es 1/2 5
wurde, ehe wir zu tische gingen. das diner war in dem anstoßenden Walde
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien