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August 1843
Bekanntschaften gemacht hatte, sehr gerne da, und wenn ich dessenun-
geachtet wegging, so geschah dieses theils aus einer Art von Pedanterie,
weil ich es mir vorgenommen hatte, um diese Zeit abzureisen, theils weil
aber jetzt ein großer theil der Badner gäste ebenfalls weggehen oder schon
gegangen sind. Zudem hatte ich in den letzten tagen im spiele bedeutend
verloren, welches mir etwas unangenehm ist. Anfangs war ich im gewin-
nen, nach und nach aber verlor ich den gewinnst und darüber, so daß ich
einige tage aussetzte und erst am tage vor meiner Abreise nochmals das
glück probiren wollte. da verlor ich aber mehr als jemals.
in den letzten tagen kamen hier zwey gute freunde von mir an, Alexan-
der tettenborn, mit dem großfürsten michael, und trubetzkoi, besonders
dieser letztere war mir von ressource, mehr als es die zwey einzigen mei-
ner landsleute gewesen waren, die ich in Baden getroffen hatte, nämlich
Arthur Bathiany und toni szapary, beyde waren nämlich verliebt und so-
mit den ganzen tag beschäftigt, doch stellte Bathiany mich einigen leuten
vor. szapary aber that das erstemahl, als wir uns sahen, so steif und fremd,
daß ich ihn später ganz ignorirte, zudem waren Beyde immer mit franz
schönborn, meiner alten bête noire noch von Wien aus, obwohl er dießmal
geneigt schien, sich mir zu nähern, so nahm ich doch keine weitere notiz
von ihm, und somit mußte ich mir meine stellung ganz selber machen.
von interessanten oder marquanteren Personen, die ich in Baden ken-
nen lernte, waren graf Woronzoff, ehemals russischer gesandter in turin,
léon narischkin, liebermann, preußischer gesandter in Petersburg, die
Familie Hitroff, Gräfin Gourieff, Graf Mandelsloh, würtembergischer Ge-
sandter in london, und seine familie, fürstinn trubetzkoi, graf colombi,
ehemals spanischer diplomat und schwager von Zea-Bermudez, ein sehr
gescheidter und angenehmer mann, etc.
es gab viele und recht animirte Bälle in der letzten Woche, wo auch ich
mitunter tanzte, am 22. war das verfassungsfest, welches im ganzen groß-
herzogthume sehr feyerlich begangen wurde, am 24. wurde im großen saale
das stabat mater von rossini aufgeführt, etc. Auch ließ ich mich für das Al-
bum in Baden lithographiren, und zum ersten mahle in meinem leben war
ich mit meinem Portrait zufrieden. gestern mittag also fuhr ich ab nach if-
fezheim und von da mit dem dampfschiffe nach mainz, wo ich spät Abends
ankam und im holländischen hofe abstieg. die gesellschaft auf dem schiffe
war nicht besonders, und so ließ ich mir von einem preußischen Beamten
die dortige Administration und die bureaukratischen verhältnisse in Preu-
ßen expliziren.
Heute früh flanirte ich ein Bischen herum, sah mir den Dom wieder an,
dann das gutenberg monument, welches ich dem straßburger vorziehe (in
mainz steht, dort sitzt er), und endlich die ziemlich mittelmäßige gemäl-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien