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August 1843
frankfurt 30. August
vorgestern wurde mir in Wiesbaden die Zeit ziemlich lange, ich versuchte
zu spielen, in der hoffnung das in Baden verlorene wieder hereinzubringen,
aber auch hier war mir das glück nicht hold, und so hörte ich bald wieder
auf.
Aus dem fremdenblatte habe ich gesehen, daß in den 4 Jahreszeiten mit
mir ein herr v. Post, bremischer consul in valparaiso, wohne. diesen suchte
ich daher auf und fand in ihm einen interessanten und gebildeten mann,
der 16 Jahre in valparaiso gelebt hat und, wie er mir sagte, noch immer
den Wunsch und die Absicht hat, dahin zurück zu kehren, er ist seit circa 10
monathen in europa. Wir sprachen lange von den dortigen handelskonjunk-
turen und deren Beziehung auf deutschland und oesterreich, er hat hohe
Begriffe von den ressourcen jener länder und meint, der deutsche handel
dahin könne nur zunehmen, obwohl die engländer uns in der letzten Zeit
manches abgejagt hätten. über oesterreich speciell enthielt er sich jedes
urtheils, da ihm das land gänzlich fremd sey. er sagte mir, ich solle mich an
seinen compagnon schutte in hamburg wenden, welcher mir Preislisten etc.
und ähnliche détails einsenden würde.1
nachmittags war wie am tage vorher militärmusik im garten hinter dem
cursaale, wo ich mit coudenhoven und einigen sehr artigen nassauischen
offizieren sprach. später hatte ich in ein concert gehen wollen, welches un-
ter der Patronage des hier anwesenden königes der Belgier gegeben werden
sollte, doch schien niemand zu kommen, und da mir das Warten zu lange
wurde, ging ich wieder ins theater, wo eine schlechte französische truppe
spielte. ich saß neben einer recht angenehmen und artigen frau, wie ich
später erfuhr die hofmarschallinn gräfin uexküll, und unterhielt mich viel
mit ihr, und sie hätte ganz meinen Beyfall gehabt, hätte sie mir nicht zu viel
von der noblesse gesprochen: la noblesse ici fait ceci, und la noblesse fait
cela, was ein bischen kleinstädtisch roch. nach dem theater war réunion
und Ball, der saal superb, schöner als in Baden, dagegen aber schien die
gesellschaft weit schlechter, obwohl die äußere etikette der toiletten viel
strenger beobachtet war als in Baden. ich sah eine Zeit lang zu und ging
dann nach hause.
tags darauf, am 29. verließ ich Wiesbaden um 1/2 9 uhr früh und fuhr auf
der eisenbahn nach Biebrich. der mainzer convoi führt einen bis ungefähr
2/3 des Weges, dann läßt er die Biebricher los, die noch eine strecke weit al-
lein fort rollen und dann durch vorgespannte Pferde nach Biebrich gebracht
werden. ich besah mir das schloß, welches recht schön ist, besonders ein
1 das handelshaus schutte, Post & co. hatte 1822 die erste deutsche niederlassung im chi-
lenischen hafen valparaiso gegründet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien