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runder säulensaal als tanzsaal, dann den Park, der ziemlich klein ist, und
dann die sogenannte Burg, eine alte ruine der grafen holzhausen, in wel-
cher sich der herzog ein Paar nette Wohnzimmer hat herrichten lassen.
um 11 uhr fuhr ich auf der eisenbahn auf gleiche Weise nach mainz (ca-
stel) und da aus demselben Bahnhofe, nur in anderen Wägen nach frank-
furt. Auch diese eisenbahn ist sehr schön und elegant gebaut, jedoch wie
jene nur mit einem geleise, es mußten ziemlich viel hügel des schönsten
Weinlandes durchschnitten werden. um 1/2 1 uhr waren wir in der station,
von wo uns omnibus in die stadt führten. leider fängt eben die messe an,
doch fand ich im Weidenbusch eine passable unterkunft.
gabrielles Antwort habe ich hier gefunden und fahre nun morgen 31. um
1/2 10 uhr Abends nach leipzig ab. Außerdem aber traf ich hier niemand
von Bekannten, lerchenfelds sind in carlsbad, graf münch in Wien, emily
Winkler, die ich besuchen wollte, in soden etc. nur meine dicke drechsle-
rinn an der catharinenpforte fand ich in noch kolossaleren dimensionen
wieder, als ich sie verlassen hatte.
Am gestrigen Abende war ein großes gesangfest auf der mainlust zum Be-
sten der mozart-stiftung, wo alle möglichen gesangvereine, liederkränze
etc. mitwirkten. ich ging als curiosum, und um ein solches echt deutsches
fest auch einmahl zu sehen. da ich aber einen Abscheu vor kreuzer’schen,
mendelsohn’schen und ähnlichen dingen habe,1 so blieb ich nicht lange,
besonders da in dem gedränge weder ein bekanntes gesicht noch ein stuhl
zu finden war.
Baron thierry, unser sekretär bey der hiesigen gesandtschaft, der ein
recht gescheidter Mensch zu seyn scheint und der mein Interesse an finan-
ziellen und industriellen gegenständen wahrnahm, sagte mir heute (31.),
wenn ich noch einige Zeit hier geblieben wäre, so hätte er mich mit einem in
diesem Fache ausgezeichneten Manne, dem kurhessischen Oberfinanzrath
rommel bekannt gemacht, von dem ich viel interessantes erfahren hätte.
leider ist dieses nun nicht mehr möglich.
in allen Buchläden prangt in den Auslegkästen: oesterreich und dessen
Zukunft, 3. Auflage. Campe hat ein Vorwort von wenigen Zeilen dazu ge-
schrieben, worin er das verspätete erscheinen der schrift erklärt. ich habe
eine kleine Brochure gekauft, von einem gewissen schick, betitelt: Bemer-
kungen über die schrift: oesterreich etc.,2 ein rechter nonsense wie fast
Alles Andere, was darüber geschrieben worden ist. ich weiß nicht, ob alle
1 gemeint sind die zeitgenössischen komponisten konstantin kreutzer und felix mendels-
sohn-Bartholdy.
2 leopold schick, einige Bemerkungen über die Broschüre: oesterreich und dessen Zukunft
(leipzig 1843).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien