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September 1843
sachen gibt, vor allem eine superbe statue von Wolf in rom, eine liegende
nymphe darstellend, und mehrere cartons von schnorr, trank dann auf der
Brühl’schen terrasse meinen caffeh und ließ mich dann von meinem lohn-
bedienten (einem sehr gebildeten kerl) in den großen garten führen, eine
Art von dresdner Prater in miniatur, wo musik und viele menschen waren.
doch hielt ich es da nicht lange aus, sondern ging, pour tirer le temps,
das königliche Palais im garten selbst (ebenfalls von August erbaut) an-
sehen, im rez-de-chaussée ist eine Art von nationalem museum, ziemlich
unbedeutend, an dessen spitze Prinz Johann steht, im oberen saale sind
die Portraits der 8 vorzüglichsten maitressen Augusts. von da ging ich ins
theater. dieses ist außerordentlich schön, besonders schön aber ist das fo-
yer und die corridors sowie auch die conditorey, man gab ein lustspiel,
dann ein tanz divertissement, endlich ein singspiel.
morgen fahre ich nach dux, ich wäre schon heute dahin, doch kann
gabrielle meinen Brief, worin ich ihr und dem onkel meine Ankunft mel-
dete, erst morgen frühe erhalten, und ich weiß, daß Waldstein’s auf der-
gleichen Aufmerksamkeiten einen Werth legen.
dux 8. september
montag den 4. dieses monats machte ich, oder eigentlich wollte es mein
lohnbedienter, daß ich noch das sogenannte grüne gewölbe, nämlich die
schatzkammer ansehen sollte. doch versäumten wir den rechten Augen-
blick, und da ich nicht lange warten konnte, so ging ich in die Bildergalle-
rie. diese ist sehr zahlreich, unter vielem mittelmäßigen und schlechten
gibt es auch manches gute: die madonna del sisto von raphaël, eine der
vielen magdalena’s von correggio, eine madonna von murillo etc. dann
mehrere corrregios, titians, ein paar gianBellinis, Palmas, guido renis
etc. und viel aus der niederländischen schule.
um 11 uhr verließ ich dresden im eilwagen, es ging über Pirna und Pe-
terswalde, wo die österreichische grenze ist. Bey der visitation unserer ef-
fekten schnitt der Aufseher bedenkliche gesichter, als er in meinem koffer
die Badner fremdenlisten fand, und meinte, ob denn ja nichts politisches
oder statistisches darin sey? eine halbe stunde von der grenzstation wurde
in einer gräulichen schmutzigen kneipe gegessen, vor 8 uhr waren wir in
teplitz. die gegend ist um Pirna und von da bis auf die höhen von Peters-
walde ganz außerordentlich schön, oben wird es etwas kahl, und dazu pfiff
der Wind furchtbar. das thal von der nollendorfer höhe bis teplitz herab
ist aber wieder superb.
in töplitz nahm ich die Post und fuhr in einer halben stunde hierher, wo
ich gabrielle mit den cousinen auf der stiege fand, da sie gerade erst eben-
falls von töplitz zurückgekommen war. mein Brief kam mit mir zugleich,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien