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und so war meine Ankunft eine komplete überraschung. Bald darauf ka-
men onkel und tante nach hause.
seitdem lebe ich nun recht angenehm hier, so ein mittelding zwischen
stadt- und landleben, viel Besuche von Badegästen und nachbarn, viele
Besuche unsererseits bey diesen und jenen etc. leider ist es schon völlig
herbst und kalt geworden, und töplitz schon ziemlich leer. ich war letzthin
dort bey clary und gestern im theater, ein andermahl waren wir Alle in
krzemusch bey ledebur, wo die schöne christiane nostitz mit ihren eltern
ist. fürstinn marie lobkowitz aß diese tage hier, so auch der schwarze Ba-
ron, dann ist ein graf radolinsky, welcher viel hieher kömmt, eine Art von
spaßmacher, aber de bonne compagnie etc.
das einzige gescheidte, was ich diese tage über that, war ein Besuch
in oberleutensdorf, wo ich die dortigen fabriken, nämlich eine Wollen-
spinnerey und Weberey und eine Baumwollenspinnerey, genau und lange
besah. obwohl nicht zu den bedeutendsten etablissements ihrer Art ge-
hörig, waren sie mir doch in mannigfacher Beziehung interessant. keine
von beyden fabriken arbeitet fürs Ausland. doch behauptete der director
der tuchfabrik, daß unsere industrie in gröberen Wollenwaaren ganz wohl
mit der englischen konkurriren könnte und sie gewiß an güte und Wohl-
feilheit überflügeln würde (Poncho’s für America – !!!). Übrigens arbeitet
diese nun in feineren stoffen von Wolle, jedoch jeder gattung, und ihre
Produkte sind, wie ich mich selber überzeugte, ebenso gut als die engli-
schen und fast so wohlfeil. die Baumwollspinnerey (mit 13.000 spindeln,
welche durch dampf und Wasser getrieben werden) fabrizirt jährlich unge-
fähr 3000 centner garn bis n. 50 ausschließend für böhmische fabriken.
der director derselben meinte, wir könnten noch lange nicht mit dem engli-
schen, ja noch nicht einmahl ganz mit dem Zollvereins-garne konkurriren,
und es werde von ersterem weit mehr hereingeschmuggelt als man ahne,
und zwar theilweise durch die fabriken selbst. Allenthalben beklagten sie
sich über die unwirksamkeit des Zollschutzes wegen der Bestechlichkeit
der grenzwächter.
ich höre von nichts Andrem als von „oesterreich und dessen Zukunft“
sprechen. sowohl hier als in Preußen hat das Buch ein ungeheueres Aufse-
hen gemacht. die regierung sandte den Prager Polizeydirector muth nach
Hamburg und ließ Campe 20.000 fl anbiethen, damit ihr der Verfasser ge-
nannt würde, aber umsonst. so erzählte man mir wenigstens hier.
ich weiß noch immer nichts über mein schicksal, und das contrairirt
mich in diesem Augenblicke besonders, weil es meine schritte und unter-
nehmungen paralysirt. mein Avancement läßt noch immer auf sich warten
und so auch kübeck’s final-Anwort auf meine denkschrift, besonders das
erstere ist mir unangenehm, weil ich fest entschlossen bin, meinen lang-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien