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September 1843
weiligen delegations-dienst in mailand nicht zum dritten mahle wieder
anzutreten, besonders da es dießmahl ohnehin nur auf kurze Zeit wäre, da
mein Avancement nun denn doch erfolgen muß. ich habe zwar von spaur
eine urlaubsverlängerung so zu sagen schon mündlich erhalten, aber er-
stens weiß ich nicht, was ich während des jetzt beginnenden herbstes in
deutschland anfangen soll, und dann kann auch diese verlängerung ablau-
fen, ohne daß eine entscheidung erfolgt.
nebst diesen dingen geht mir aber noch ein drittes im kopfe herum.
es ist mir nähmlich von guter Quelle her gesteckt worden, daß es nicht
unwahrscheinlich sein dürfte, daß ich die legationssekretärsstelle in Bra-
silien (wohin eben rechberg zum gesandten ernannt worden ist) bekäme,
wenn ich sie verlangen sollte. nun wäre dieses Wasser auf meine mühle,
indem ich dadurch zugleich meinen alten Wunsch in die diplomatie zu
kommen erreichen würde. es frägt sich aber nun, ob dazu der gegenwärtige
Augenblick geeignet sey, oder nicht? mache ich jetzt irgend einen schritt
in dieser Beziehung, so könnte er, da er doch wenigstens auf den ersten
Blick mit meiner mission nach America im Widerspruche steht, mir von
seiten kübecks den vorwurf der inkonsequenz zuziehen, und es könnte so-
mit geschehen, daß ich zwischen zwey stühlen auf der erde säße. Wenn ich
aber auf der andern seite zuwarte, bis ich von kübeck eine final-Antwort
und zwar eine unbefriedigende auf meine vorschläge erhalte und erst dann
meine schritte wegen der stelle in Brasilien mache, so kann erstlich der
wahre moment verstrichen seyn (obwohl man mir durchaus nicht sagte,
daß der gegenwärtige moment günstiger sey als irgend ein Anderer, son-
dern nur überhaupt davon sprach), und dann kann es sehr leicht gesche-
hen, daß Fürst Metternich mir auf meine vorläufige Anfrage, welche der
erste schritt seyn müßte, antworten ließe, ich solle nach Wien kommen
und mich ihm vorstellen, und dieses könnte ich in einigen monathen gerade
vom urlaube zurückgekehrt nicht wohl thun, wohl aber jetzt.
[dux] 12. september Abends
Wir haben jetzt das schönste wärmste Wetter, das man sich wünschen
kann, und benützen es fleißig zu Ausflügen und Besuchen in der Nachbar-
schaft, so waren wir letzthin in culm bey Westphalen, in krzemusch bey
ledebur, mehrere mahle in teplitz, wo man immer eins oder das Andere
zu thun hat. überall herrscht ein herzlicher angenehmer ton, dessen ich,
seit ich in italien bin, ganz entwöhnt war, welchen man aber überhaupt
nirgends so sehr findet als unter der böhmischen Aristokratie, wo die vie
de château noch besser verstanden wird als sonst irgendwo. man gewöhnt
sich sehr leicht und gerne an ein solches landleben, welches die Annehm-
lichkeiten des umganges mit gebildeten und angenehmen menschen nicht
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien