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ausschließt. Auch in dux haben wir fortwährend Besuche, in diesen tagen
sind viele Bekannte hier gewesen, unter andern der herzog von Beaufort
(aus england) mit seiner frau und zwey töchtern. heute waren die clary’s
hier und thérèse chotek, welche uns erzählte, daß egbert Belcredi in sei-
ner station durch einen sturz mit dem Pferde den fuß gebrochen hat. ihr
Bruder, der oberstburggraf, lebt hier in der nähe ganz zurückgezogen und
weiß noch nicht, wo er sich etabliren wird. seine entlassung ist ihm nun dé-
finitiv bewilliget worden und zwar in ziemlich trockenen Ausdrücken. Doch
hat er dieses durch die thörichte Art verschuldet, mit der er sich zuletzt bey
gelegenheit des todes seines zweiten sohnes benahm. Auch hierzu haben
ihn die lächerlichen capricen seiner frau verleitet. diese hinderte ihn ge-
waltsam an allem Arbeiten, und dieses war zu der Zeit, als die furchtbare
hungersnoth im erzgebirge herrschte, so daß die Anzeige des kreisamtes
sechs Wochen unerbrochen auf seinem tische liegen blieb! sie konnte mo-
nathe lange kein männliches individuum sehen, weil dieses sie an ihren
sohn erinnerte, so daß sie sich bey tische von mädchen bedienen ließen,
und dergleichen unsinn mehr. nun spricht man, daß erzherzog stephan
nach Prag kommen soll und stadion ihm zur seite.1
vorgestern waren wir Alle in eisenberg bey lobkowitz zum nahmens-
tage der fürstinn marie. es waren viel menschen da, unter andern veriand
Windischgrätz mit frau und seiner schönen tochter gabrielle. ich fand
das Schloß seit 1832 ganz umgestaltet und wirklich magnifique, der ganze
Berg, auf dem es liegt, zu einem superben Park verwandelt, mit Anlagen,
gartenhäusern, voliéres, springbrunnen, schweizerhäusern etc., oben
an das schloß ein delicioser gartensalon angebaut und Alles sehr elegant
eingerichtet. gegen Abend wurde den Berg hinab gefahren in den untern
gartensalon, wo ein feuerwerk losgebrannt wurde. dazwischen spielte die
herrschaftliche Jägermusik (die beste Bande von Blasinstrumenten, die ich
je hörte). Alles dieses zusammen, dann die menge volk, der schöne mond-
schein und die superbe gegend war wirklich frappant, und das ganze war
so grand seigneur als nur möglich. Wir tranken thee und goutirten im salon
und fuhren dann durch die große Allee, die ganz mit bengalischem feuer
erleuchtet war, wieder ins schloß. da wurde comödie gespielt, und dieses
war die kehrseite des ganzen, eine unerträgliche hitze und ein langwei-
liges, schlecht gespieltes, dreyaktiges stück: der steckbrief von Benedix,
und noch dazu in den Zwischenakten Produktionen der lobkowitz’schen
1 erzherzog stephan kam tatsächlich Anfang 1844 als landeschef nach Böhmen, nicht je-
doch graf franz stadion, der gouverneur in triest blieb. oberster Beamter in Prag blieb
Altgraf robert salm-reifferscheidt, der bereits seit April 1843 als stellvertretender oberst-
burggraf die landesbehörde leitete.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien