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September 1843
demonstrativ, daß es mein ganzes dreyßigjähriges Phlegma erforderte, um
meine rolle als cousin nicht zu vergessen. Aber glücklich, wem es gegeben
ist, sein leben in einem so frohen schönen familienkreise ruhig zu verleben.
tags darauf, montag den 18. gegen 9 uhr frühe verließ ich dux in ge-
sellschaft gabrielle’s und toni’s. in teplitz fand ich endlich flore’s lange
erwarteten Brief, sie schrieb, noch sey zwar nichts entschieden, doch hätten
ihr Alle mit denen sie gesprochen versichert, dieses müsse von einem tage
zum andern geschehen, und zwar nicht anders als auf eine günstige Weise.
insoweit beruhigt reiste ich also weiter und war nach 2 stunden in Aus-
sig, um dort das elbe-dampfboot zu erwarten, welches aber des niedrigen
Wasserstandes wegen erst um 1/2 2 kam. in der kirche zu Aussig ist eine
recht hübsche kleine madonna von carlo dolci.
endlich embarquirten wir uns und fuhren durch ein waldiges hügelland
die Elbe hinunter bis Tetschen, welches ganz magnifique auf dem Abhange
eines felsens gelegen sich ausnimmt. die elbe bildet zu den füßen des
schlosses einige inseln, welche sehr zur schönheit des ganzen beytragen.
von da an fängt die sächsische schweiz an. die schönsten Punkte derselben
schienen mir herrnskretschen, die Bastey, das Prebischthor etc.1 im gan-
zen ist diese strecke sehr schön, und einige Punkte wirklich imposant. es
war schon dunkel, als wir bey Pirna und später bey Pillnitz vorüberkamen.
gegen 9 uhr waren wir in dresden und fanden im hôtel de saxe ein super-
bes Appartement und einen der besten gasthöfe, der mir jemals vorgekom-
men.
tags darauf stiegen wir zusammen in dresden herum, zeigten gabri-
elle die schönen Plätze und straßen und gewölbe der stadt, auch einige
ihrer merkwürdigkeiten (das grüne gewölbe wurde dießmal wieder ver-
säumt), darunter die schöne niederlage der meissner Porzellanfabrik etc.,
so verstrich der vormittag, und nachdem wir zu hause gegessen hatten,
fuhren wir gegen 4 uhr auf den Bahnhof. Bald wären wir zu spät gekom-
men, denn eines unserer Pferde stürzte. dießmal fuhren wir ohne unfall,
jedoch ziemlich langsam, bis leipzig, wo wir gegen 8 uhr ankamen. leider
war aber hier wieder messe, welche mich schon in frankfurt zur verzweif-
lung gebracht hatte, und so mußten wir nach langem herumsuchen endlich
mit einem Privatquartier, welches jedoch zum hôtel de Bavière gehörte,
vorlieb nehmen.
tags darauf ging ich früh aus, sah die Anlagen um die stadt, welche
sehr den Wiener glacis ähnlich sehen, und die universität, wo ich mich
damit unterhielt, auf dem schwarzen Brette die collegien-Ankündigungen
1 das Prebischtor und herrnskretschen liegen noch in Böhmen vor der sächsischen grenze
und daher in der böhmischen, nicht der sächsischen schweiz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien