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der Professoren zu lesen. dann frühstückten wir bey gabrielle und gin-
gen dann aus, die schönen Boutiquen, wegen welcher leipzig berühmt ist,
zu besehen. Wir machten verschiedene einkäufe bey teklenburg, schier
(ein ganz besonders schöner laden), del vecchio etc. die Brockhaus’sche
maschinen-druckerey und die nicolaikirche, in der luther predigte (jedoch
sahen wir diese von außen) zu sehen, fehlte uns die Zeit. doch besahen wir
uns die schöne Buchhändlerbörse und die kunstausstellung, welche eben
darin aufgestellt war. es war ein unglaubliches und lästiges treiben in der
stadt, der messe wegen, und wir waren froh, als wir wieder fort kamen.
gabrielle hatte sich nämlich unterwegs entschlossen, bis Berlin und stettin
zu fahren, um das meer da zu sehen, was aber, wie wir dann hörten, von
stettin aus in einem tage nicht thunlich ist. vor unserer Abfahrt kaufte sie
noch die 3. Auflage von Oesterreich und dessen Zukunft. – – –
Wir fuhren sehr rasch in 1 1/2 stunden über halle nach cöthen. der Weg
geht über ein der umgegend von leipzig ziemlich ähnliches land, mit holz
bewachsene hügel, weite ebenen, viele Windmühlen. ich weiß nicht, ob
durch die schnelligkeit unserer fahrt oder aus sonst einem grunde, genug,
das rütteln und schütteln im Wagen war so arg, daß es mir meiner reise-
gefährten wegen unangenehm war, welche beyde, gabrielle an der leber
und toni an einem husten, reconvalescenten waren. in cöthen treffen die
leipziger, Berliner und magdeburger Züge zusammen, weßhalb eine halbe
stunde angehalten und die Personenwagen gewechselt werden. in diesem
getümmel stießen wir auf Alexander tettenborn, der mit dem großfürsten
michael von Berlin kam und nach england geht.
Am Bahnhofe ist eine sehr elegante restauration und darüber ein spiel-
haus, wo roulette gespielt wird, man zahlt 1 thaler eintritt und erhält
dafür 3 spielmarken, welche man für 1 thaler setzen kann. das ganze
war aber gegen Baden und selbst gegen Wiesbaden ziemlich mesquin. der
herzog war auch herausgekommen, um den großfürsten zu begrüßen.1
von cöthen aus wird die gegend recht anmuthig und belebt bis hinter
dessau, viele hübsche nette häuser, viel Wald, kurz das ganze sieht einem
englischen Parke sehr ähnlich, man passirt die elbe auf einer sehr schönen
Brücke. Wittenberg, wo angehalten wird, konnten wir leider nur von Außen
sehen, doch sahen wir ganz deutlich den berühmten dom, von welchem die
reformation ausging, er sieht mit seinen zwey niedern runden thürmen
einer Art von taubenschlag ähnlich, und es werden daselbst die trauringe
luthers und catharinas von Boren aufbewahrt.
hinter Wittenberg fängt die mark an, traurige sandebenen, nur hier und
da mit Nadelholz bepflanzt, weit und breit keine Wohnungen, dagegen um
1 cöthen (köthen) war hauptstadt des herzogtums Anhalt-köthen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien