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September 1843
so mehr Windmühlen. das geht so bis Berlin, wo wir gegen 7 uhr ankamen
und in einer droschke ins hôtel s. Petersburg unter den linden fuhren.
denselben Abend waren wir noch im königlichen schauspielhause, wo
man minna v. Barnhelm ziemlich schlecht gab, zwey hübsche Weiber,
clara stich und mad. lavallade, die aber beyde schlecht spielten. dann
waren wir beym conditor stehely, überhaupt gibt es hier eine menge sehr
brillante conditoreien: stehely, fuchs, Josty, kranzler etc.
tags darauf, d.i. gestern, gingen wir allesammt frühe aus und die pracht-
volle straße hinab, die zwischen lauter Pallästen (auf der einen seite das
Palais des Prinzen von Preußen, des fürsten von nassau, der königlichen
Bibliothek, des opernhauses, des verstorbenen königs, welcher dieses ele-
gante, jedoch kleine haus statt des schlosses bewohnte, der fürstinn lieg-
nitz, endlich das königliche schloß, auf der anderen die Academie, die uni-
versität, das Zeughaus, die hauptwache, der lustgarten, das museum mit
der schönen fontaine und der ungeheuern vase aus einem stück von schle-
sischem marmor davor, endlich die domkirche) bis zum schlosse führt. von
dem kürzlich abgebrannten Opernhause steht noch die schöne Façade, die
auch beybehalten werden soll, der schutt wird so eben hinweg geräumt.
statuen gibt es hier wie in ganz Berlin die schwere menge: Blücher, Bülow
und scharnhorst stehen hier. nachdem wir bey Josty gefrühstückt hatten,
wollten wir das schloß und das museum besehen, beyde werden aber erst
von 10 uhr an gezeigt. Wir gingen also noch die linden bis zum Branden-
burger thor hinunter, sahen uns das haus, welches der kaiser von ruß-
land hier gekauft hat (warum?), an, wo die fensterscheiben ganz aus einem
stücke sind, etc.
um 1/2 11 fuhren wir auf den Potsdamer Bahnhof und um 11 ab, mit
unserem Zuge fuhr der Prinz von Preußen, denn wie wir unterwegs hörten,
war heute in sanssouci ein déjeuner dansant im freyen, das der könig
gab.
es wird noch überall von den eben beendeten manövres gesprochen, die
besonders brillant gewesen sind, besonders vortrefflich soll der Prinz von
Preußen manœuvrirt haben, so daß er dem general Weyrach mehrere Ba-
taillons gefangen nahm. von den vielen hohen gästen, die demselben bey-
wohnten, sind nur mehr Prinz Johann von sachsen und Prinz und Prinzes-
sin friedrich der niederlande hier.
Wir fuhren sehr schlecht über eine stunde. in Potsdam angekommen,
nahmen wir einen lohnbedienten und einen Wagen und gingen zuerst das
schloß besehen. dieses ist sehr groß und schön. die Zimmer friedrichs des
großen werden noch bis auf die kleinsten kleinigkeiten so aufbewahrt, wie
sie damals waren; Meubles, beklekste Schreibtische, Notenpulte, musika-
lische instrumente, eigenhändig geschriebene noten mit der Aufschrift,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien