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September 1843
mit dieser unzufrieden war, arbeitete er 15 Jahre lang insgeheim an dieser
und machte sie dem könig zum geschenk.
dann fuhren wir nach charlottenhof, einem kleinen allerliebsten schlöß-
chen im englischen style mit sehr hübschen Anlagen, das der jetzige könig
als kronprinz baute. indessen war es fast 4 uhr geworden, und unsere mä-
gen mahnten uns. daher aßen wir im hôtel und fuhren dann wieder aus,
bey der russischen colonie vorüber (so nennt man ein kleines dörfchen von
12 niedlichen in russischer Art gebauten häuschen aus geschnitztem holze
ziemlich in schweizer-Art, die friedrich Wilhelm iii. für 12 russische sän-
ger bauen ließ, die ihm kaiser Alexander 1814 schenkte, dabey steht eine
kleine russische kirche) zum marmorpalais, so heißt ein kleines von fried-
rich Wilhelm 2. gebautes schlößchen in einer charmanten lage, es gibt
darin wieder viele schöne sachen, statuen, camine etc., darunter welche
von canova, von der terrasse, welche hart am heiligen see (wo ehemals ein
dorf soll gestanden haben) liegt, hat man eine entzückende Aussicht über
die havel, spree, die lustschlösser glienicke des Prinzen carl, Baberts-
berg1 des Prinzen von Preußen etc.
Wenn man die unzahl und Pracht dieser schlösser betrachtet, die
schwierigkeiten erwägt, in dieser sandwüste solche herrliche gärten zu
schaffen, und dann noch die menge von grandiosen gebäuden aller Art
bedenkt, welche in und um Potsdam seit 100 Jahren und Alle durch die
könige gebaut worden sind, fabriken, casernen, fasanerieen, Pavillons,
colonnaden, kirchen (darunter eine von schinkel ganz aus erz, die 700.000
thaler kostete und nun abgerissen wird, weil man vor lauter schall und
echo kein Wort darin hört), so begreift man nicht, wo die leute das geld
dazu hernahmen, und noch unbegreiflicher wird dieses in Berlin mit dessen
zahllosen Prachtgebäuden und endlosen breiten straßen, welche alle erst
seit 60–70 Jahren entstanden sind. gewiß aber ist es, daß es kein monar-
chischeres land gibt als Preußen, denn Alles dreht sich hier einzig und
allein um den könig.
inzwischen war es 6 uhr geworden, und wir fuhr ins theater, wo heute
bey Beleuchtung, da alle fremden und einheimischen Prinzen anwesend
waren, das „glas Wasser“ jämmerlich schlecht gegeben wurde. Wir saßen
fast dicht neben der Hofloge, der König schien mir gealtert und sehr dick
geworden, l’air bonhomme, ein geistreiches gesicht ist das des Prinzen Jo-
hann von sachsen, vor Allem aber interessirte mich das des herrn v. hum-
boldt.
um 7 uhr empfahlen wir uns und gingen in den Bahnhof, um 1/2 9 waren
wir hier.
1 heute nicht mehr gebräuchlicher name von Babelsberg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien