Seite - 432 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 432 -
Text der Seite - 432 -
Tagebücher432
heute früh fuhren gabrielle und toni [Waldstein] nach stettin und ka-
men Abends 1/2 10 zurück, nachdem sie auf dem rückwege einen Bahn-
wächter überfahren hatten. ich begleitete sie nicht, da ich die Absicht
hatte, nächstens über stettin, die insel rügen, swinemünde und lübeck
nach hamburg zu gehen. nun habe ich aber gehört, daß zwischen lübeck
und swinemünde keine dampfschifffahrt existirt, und werde sonach wohl
über magdeburg und auf der elbe nach hamburg fahren müssen.
übrigens war seit fast einem monathe heute der erste trübe tag und hef-
tiger Wind, welcher hier wirklich sehr unangenehm ist, des unerträglichen
sandes wegen, von dem man in einem nu ganz schwarz und schmutzig
wird. Ich benützte den Tag dazu herum zu flaniren, mich mit den Stra-
ßen Berlins ein wenig vertraut zu machen, den Plan in der hand, einige
nothwendige gänge und emplettes zu machen, ein paar Buchläden zu
besuchen etc. so verstrich mir der tag schnell. Auch besuchte ich unsern
legationsrath frank, meinen alten Bekannten, der jetzt, da graf traut-
mannsdorf abwesend ist, chargè d’Affaires ist. ich fand ihn wie gewöhnlich
mahlend [sic] und schimpfend. er ist übrigens selbst seit kaum 4 Wochen
hier und könnte mir daher, selbst wenn ich es wollte, von keiner besondern
ressource seyn, er erzählte mir détails über den tod des grafen Bombelles,
welchen er bis zum letzten Augenblicke pflegte etc.
[Berlin] 25. september
Am 23. frühstückten wir zu hause und wollten dann ins schloß gehen, der
castellan war aber gerade damit beschäftigt, andere Personen herumzufüh-
ren, und so hätten wir denn 1/2 stunde warten müssen, was uns zu lange
dünkte, wir gingen demnach ins museum. die rotunda, in welcher eine An-
zahl der antiken statuen aufgestellt ist, ist wirklich außerordentlich schön.
dann gibt es noch mehrere marmorsäle mit antiken statuen, vasen etc.
darunter aber nichts Besonderes, ausgenommen eine superbe colossale
vase aus Agat aus den russischen Bergwerken, ein geschenk des kaisers
an A. v. humboldt und dieses letzteren an das museum. im ersten stocke
ist die Bildergallerie, einiges gute aus der venezianischen schule, ein paar
guido reni’s und guercino’s, sonst aber viel schlechtes Zeug.
Als wir damit fertig waren, besahen wir uns das berühmte Atelier und
magazin von gropius von steinpapier und anderen gegenständen, dann
dessen Panorama von Palermo und endlich sein diorama,1 es waren 2
1 Das 1827 eröffnete Diorama der Gebrüder Gropius in Berlin zeigte wechselnde großflächige
Bilder, meist landschaften, die sich am Betrachter vorbei bewegten und das gefühl gaben,
sich inmitten des Gezeigten zu befinden. Die letzten Vorstellungen fanden 1850 statt, 1876
wurde das gebäude abgerissen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien