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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 436 -
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Tagebücher436 zuhause wie auswärts mich durchaus nicht erwärmen konnte. heute ist es ebenso kalt und noch dazu ein anhaltender schwacher herbstregen, daher koth bis über die kniee, wovon überhaupt hier kein mangel zu seyn scheint. im Zimmer ist es vor kälte kaum auszuhalten, ausgehen kann man aber bey dem Wetter nicht, auch wüßte ich nicht wohin, denn zu sehen ist in und um hamburg nichts. Was von der stadt noch übrig geblieben ist, ist häßlich,1 meist enge krumme, unreinliche, schlecht gepflasterte straßen, die noch dazu hügel auf, hügel ab gehen, und darin kein einziges hübsches haus, sondern die häuser alle recht bürgerlich klein mit hohen spitzen dächern und mit den sichtbaren hölzernen Balken und Bäumen in den Außenmau- ern, ganz wie die Bauernhäuser in süddeutschland, kleine thüren mit stu- fen, ohne einfahrt etc. man baut jetzt einige schöne laden in der Admirali- tätsstraße, neuer Wall etc., aber die übrigen laden sind größtentheils von Außen ganz miserable und haben gewöhnlich gar keine Auslagkästen. doch bekömmt man in ihnen sehr schöne sachen. im ganzen ist hamburg schon eine halb englische stadt, dieses bemerkt [m]an an dem vielen englisch, das man allenthalben hört, an den englischen Aufschriften, Ankündigungen, Waaren etc. und ebenso an der kost, welche übrigens vortrefflich ist, und worin Ale, Porter, Portwein, Beef, turtlesoup, Welsh rabbits etc. und dgl. eine hauptrolle spielen. das hamburger rind- fleisch, auch eingepökelt, ist berühmt. der abgebrannte theil hamburg’s, gerade das centrum der stadt, ist nichts als schutt, halbgebaute neue häuser und grundloser dreck, und ist jetzt noch ergreifend durch Anblick und ungeheuere Ausdehnung. das wird nun wohl schöner aufgebaut werden, als es früher war. die übrigen stadt- theile werden aber dann um so häßlicher scheinen, es ist sonderbar, daß diese schon vor Jahrhunderten so blühende stadt in äußerer schönheit so weit ge- gen nürnberg, Augsburg, strassburg, cöln etc. zurückblieb. einige kirchen haben jedoch schöne Façaden, so die Michaeliskirche. Dann sind die Anlagen um die stadt mit ihren Pavillons und Bildsäulen recht schön, besonders der theil zwischen den beyden Alsterbassins (Binnenalster und große Alster), welcher mich unwillkürlich an die ile rousseau bey genf erinnerte. ich wohne sehr gut in streit’s hôtel, einem excellenten gasthofe, ich kenne in ganz hamburg soviel ich weiß keine seele, ob ich zu campe gehen soll, darüber bin ich noch unschlüssig, seine Buchhandlung ist provisorisch in dem laden eines hutmachers, der dessen hälfte behalten hat, unterge- bracht, oesterreich und seine Zukunft prangt in der Auslage. Auch zum herrn schutte zu gehen, habe ich meine Bedenken. 1 im großen hamburger stadtbrand wurde vom 5.–8. mai 1842 etwa ein viertel der stadt (ca. 1.700 häuser) zerstört
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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