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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 438 -
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Tagebücher438 gegenstand, er war 10 Jahre in valparaiso, und hat noch sein haus und geschäft dort und macht sehr große geschäfte in deutschen manufaktur- waaren jeder Art, er scheint ein sehr speculativer, aufgeklärter kopf und hat vor einiger Zeit eine reise nach oesterreich gemacht in dieser selben Absicht, d.i. um zu sehen, ob er keine österreichischen Produkte dahin ab- setzen könnte? doch sagte er mir, habe er die fabrikanten mißtrauisch und arm an unternehmungsgeist gefunden, welches übrigens bis vor wenigen Jahren auch in deutschland der fall gewesen wäre und es zum theile noch sey. übrigens theilte er meine Ansichten vollkommen in fast jeder Bezie- hung und meinte besonders, im falle der Bildung einer handelskompagnie solle sich die regierung nicht direct betheiligen, da dieses aus mancherley rücksichten nicht räthlich sey. er glaubte, vorzüglich in feineren Wollen- waaren, glaswaaren und Quecksilber müßten wir große geschäfte machen können. er gab mir deutlich zu verstehen, daß er hoffe, wenn die sache zu stande käme, eine Art von Agentschaft oder so etwas zu erhalten, und ich, um seinen eifer nicht zu erkälten, nahm die sache mit beyfälligem still- schweigen auf. er gab mir verschiedene documente, Preislisten etc. und versprach mir, falls die sache einmahl zur reife gediehen seyn sollte, eine sovielmöglich vollständige Ausarbeitung über diesen gegenstand. interes- sant war mir die Zeitung von valparaiso, die ich bey ihm durchging und worin periodische halboffizielle Berichte über die Ein- und Ausfuhr stehen. den Abend desselben tages, als eines sonntages, fuhr ich trotz des übeln Wetters in mehrere der hiesigen öffentlichen Belustigungsorte, zuerst in den fuchs’schen salon vor der stadt, einer Art von sperl,1 nur weit ordi- närer und gemeiner. ich amusirte mich da eine Zeit lang, die leute auf das komischeste französische Quadrilles tanzen zu sehen, dann in einem anderen Zimmer, wo lotto dauphin gespielt wurde, und als mir der rauch und Qualm zu arg wurde, ging ich ins tivoli, da gibt’s theater im freyen, rutschberge etc., das ganze ist recht hübsch, von da vertrieb mich der re- gen, und ich fuhr zum famosen Peter Ahrens, dem klassischen rendezvous aller hamburger huren. Jedoch auch dieses blieb weit unter meiner er- wartung, weder der saal noch die toiletten der mädchen waren elegant, einige unter ihnen jedoch ganz hübsch und recht angenehm geschwätzig, von Zeit zu Zeit ging eine oder die andere in den garten hinaus und hob da unter dem vorwande des kothes die röcke bis zum halben schenkel und dgl. geschichten mehr. da ich aber dort ganz unverhofft meine freunde vom dampfschiffe, die beyden geyer, stallmeister rieck und mehrere lü- neburger Offiziere, Grävenitz, Bülow, Münchhausen etc. fand, so amusirte ich mich ganz gut. der späte Abend und ein theil der nacht wurde dann 1 Zum sperl, einer der beliebtesten und elegantesten Ballsäle Wiens in der leopoldstadt.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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