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gegenstand, er war 10 Jahre in valparaiso, und hat noch sein haus und
geschäft dort und macht sehr große geschäfte in deutschen manufaktur-
waaren jeder Art, er scheint ein sehr speculativer, aufgeklärter kopf und
hat vor einiger Zeit eine reise nach oesterreich gemacht in dieser selben
Absicht, d.i. um zu sehen, ob er keine österreichischen Produkte dahin ab-
setzen könnte? doch sagte er mir, habe er die fabrikanten mißtrauisch und
arm an unternehmungsgeist gefunden, welches übrigens bis vor wenigen
Jahren auch in deutschland der fall gewesen wäre und es zum theile noch
sey. übrigens theilte er meine Ansichten vollkommen in fast jeder Bezie-
hung und meinte besonders, im falle der Bildung einer handelskompagnie
solle sich die regierung nicht direct betheiligen, da dieses aus mancherley
rücksichten nicht räthlich sey. er glaubte, vorzüglich in feineren Wollen-
waaren, glaswaaren und Quecksilber müßten wir große geschäfte machen
können. er gab mir deutlich zu verstehen, daß er hoffe, wenn die sache zu
stande käme, eine Art von Agentschaft oder so etwas zu erhalten, und ich,
um seinen eifer nicht zu erkälten, nahm die sache mit beyfälligem still-
schweigen auf. er gab mir verschiedene documente, Preislisten etc. und
versprach mir, falls die sache einmahl zur reife gediehen seyn sollte, eine
sovielmöglich vollständige Ausarbeitung über diesen gegenstand. interes-
sant war mir die Zeitung von valparaiso, die ich bey ihm durchging und
worin periodische halboffizielle Berichte über die Ein- und Ausfuhr stehen.
den Abend desselben tages, als eines sonntages, fuhr ich trotz des übeln
Wetters in mehrere der hiesigen öffentlichen Belustigungsorte, zuerst in
den fuchs’schen salon vor der stadt, einer Art von sperl,1 nur weit ordi-
närer und gemeiner. ich amusirte mich da eine Zeit lang, die leute auf
das komischeste französische Quadrilles tanzen zu sehen, dann in einem
anderen Zimmer, wo lotto dauphin gespielt wurde, und als mir der rauch
und Qualm zu arg wurde, ging ich ins tivoli, da gibt’s theater im freyen,
rutschberge etc., das ganze ist recht hübsch, von da vertrieb mich der re-
gen, und ich fuhr zum famosen Peter Ahrens, dem klassischen rendezvous
aller hamburger huren. Jedoch auch dieses blieb weit unter meiner er-
wartung, weder der saal noch die toiletten der mädchen waren elegant,
einige unter ihnen jedoch ganz hübsch und recht angenehm geschwätzig,
von Zeit zu Zeit ging eine oder die andere in den garten hinaus und hob da
unter dem vorwande des kothes die röcke bis zum halben schenkel und
dgl. geschichten mehr. da ich aber dort ganz unverhofft meine freunde
vom dampfschiffe, die beyden geyer, stallmeister rieck und mehrere lü-
neburger Offiziere, Grävenitz, Bülow, Münchhausen etc. fand, so amusirte
ich mich ganz gut. der späte Abend und ein theil der nacht wurde dann
1 Zum sperl, einer der beliebtesten und elegantesten Ballsäle Wiens in der leopoldstadt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien