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kunst als hamburg, die straßen sind gut gepflastert, reinlich und freund-
lich, und der gesammte eindruck, besonders durch die schönen Anlagen um
die stadt, viel angenehmer. merkwürdig ist auch der hiesige rathskeller mit
seinen ungeheuern gewölben und fässern, die voll rheinwein (der älteste
vom Jahre 1624!!) stehen, und auf regierungskosten ein- und verkauft wer-
den.
gestern war ich auch bey campe, versteht sich bloß als kauflustiger, sah
ihn aber nicht, doch sprachen mir die leute selbst von oesterreich etc., wo-
von sie nun eine vierte (!!!) Auflage praepariren, und meinten, ob eine über-
setzung ins italienische sich nicht rentiren dürfte?
rotterdam 6. oktober Abends
um 6 uhr nachmittags am 3. fuhr ich von Bremen ab und durch ein land,
welches dem zwischen hamburg und Bremen ziemlich ähnlich sah, nämlich
marschland, sümpfe und flache ebenen, bis osnabrück, wo ich morgens um
1/2 8 uhr ankam. osnabrück ist ein ziemlich freundliches städtchen von
12–14.000 einwohnern. um 9 ging es wieder weiter, und zwar dießmal en
tête-à-tête mit einer hübschen Westphälin aus münster, welche, wie sie
mir erzählte, so eben durch 3/4 Jahre bey einer befreundeten familie im
oldenburg’schen gewesen war, um dort kochen zu lernen, wie dieß zur voll-
endung der weiblichen erziehung sitte sey.
der Weg von osnabrück ist ganz außerordentlich schön, ein reizendes
hügelland, der teutoburger Wald, wo hermann und varus fochten, mit ei-
ner beynahe üppigen vegetation und dichten eichenwaldungen, besonders
schön liegt das städtchen iburg, durch welches wir kamen. in glandorff
wurde gespeist, und um 1/2 4 waren wir in münster, einer alterthümlich
aussehenden, ziemlich großen (30–40.000 einwohner) stadt mit vielen schö-
nen gebäuden.
ich besah mir die domkirche auf einem schönen mit Bäumen bepflanzten
Platze. Die gothische Façade ist magnifique und großartig, das Innere dage-
gen entspricht der erwartung nicht, besonders da man den unglücklichen
gedanken gehabt hat, es frisch zu übertünchen, sonst ist es ganz wie die
mainzer, coblenzer etc. kirchen voll Wappen und stammbäume. doch gibt’s
mehrere andere Kirchen mit sehr schönen Façaden und Thürmen, sämmt-
lich im gothischen style.
im rathhause sah ich den friedenssaal, wo der westphälische friede ge-
schlossen wurde und jetzt der westphälische landtag zusammentritt. die
sammtkissen, auf denen die gesandten saßen, liegen noch da, und ihre
sämmtlichen Portraits hängen an der Wand, und mehrere reliquien aus je-
ner epoche („seit welcher deutscher sklavensinn als wie ein krebs um sich
fraß“ wie schlözer sagt) sind ebenfalls noch da, so der Becher, aus dem die
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien