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Oktober 1843
und rubens (welchem auf der Place verte im Jahre 1840 ein monument ge-
setzt worden ist), darunter die berühmte kreuzabnahme von rubens, welche
wirklich superbe ist, so wenig ich sonst ein freund dieses künstlers bin. Be-
sonders schön aber ist der thurm der domkirche.
Auch sind die Kirchen S. Paul und S. François sehr schön, besonders von
Außen, die reichste gothische Bauart, merkwürdige gebäude sind noch: das
rathhaus, das hanseatische kaufhaus in den docks, das ehemalige haus
der tempelherren etc. und mehrere Privatgebäude, welche durch ihren mit-
telalterlichen Baustyl interessant sind.
dann sah ich die magnifiquen, von napoleon erbauten docks, 2 an der
Zahl, und in einem derselben das dampfschiff the British Queen, welches
ich besuchte, es ist das schönste dampfschiff, welches ich jemahls sah.
im museum sind sehr viele schöne rubens und vandyck, hierauf be-
suchte ich die Ausstellung des laufenden Jahres, wo ich gegen mein erwar-
ten mehrere außerordentlich schöne Bilder von keyser, Wappers, scheffer
etc. fand.
nachdem ich um 2 uhr gegessen hatte, fuhr ich um 4 auf der eisenbahn
in 3/4 stunden nach mecheln, mit mir fuhr ein hannöverischer major von
meyerinck,1 der in mecheln einen Bekannten, den belgischen general gra-
fen krasicki, einen polnischen flüchtling, besuchen wollte. ich sah mir in
mecheln die berühmte kathedrale an, an welcher wieder das Äußere und der
thurm das schönste sind, und blieb dann mit meyerinck im gasthofe sitzen,
denn es regnete ohne Aufhören. um 8 war ich wieder auf der station, welche
der centralpunct der belgischen eisenbahnen und daher in ihrer Anlage und
ihren Bey und nebengebäuden, magazinen etc. wirklich großartig ist. in ei-
ner halben stunde fuhr ich hieher und stieg im hôtel de flandres ab, wo es
die beste table d’hôte in europa geben soll.
[Brüssel] 13. oktober morgens
in einigen stunden reise ich ab und bin morgen früh in Paris. leider habe
ich auch hier keine Briefe gefunden, und meine ungewißheit hinsichtlich
meiner künftigen Bestimmung dauert also fort. das ist mir äußerst unange-
nehm, und was ich mehr als Alles Andere fürchte, ist, daß das ende dieses
monats herankömmt, ohne daß eine entscheidung da sey, da muß ich dann
doch nach mailand zurück und meinen langweiligen dienst wieder antreten.
das wäre mir unerträglich.
ich sah gestern den schönen dom, dessen 2 gothische thürme eben
restau rirt werden, das superbe rathhaus und den merkwürdigen Platz,
1 Lt. Eintrag v. 4.11.1843 stellte sich heraus, dass es sich um einen entflohenen Häftling und
hochstapler namens masser handelte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien