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worauf es steht, umgeben von prachtvollen gothischen gebäuden, beson-
ders schön ist das hôtel des Brasseurs. Aus einem derselben sah Alba der
hinrichtung egmonts und horn’s zu. dann die Place des martyrs mit dem
großen denkmale für die im september 1830 gefallenen, die statue des ge-
nerals Belliard, beyde von geefs, etc.
Brüssel ist eine sehr schöne stadt mit vielen ausgezeichneten gebäuden,
besonders aber in der nähe des schlosses, wo ich wohne, so das königliche
schloß selbst (der garten zu laeken soll sehr schön seyn, ist aber unzugäng-
lich), das schloß des Prinzen von oranien, jetzt vom staate angekauft, das
haus der repräsentanten, die ministerien in der rue de la loi, das große
theater etc.
dietrichstein ist abwesend. Baron handel, der legationssekretär war
sehr freundlich für mich. Abends war ich im theater in seiner loge, man gab
die französische oper la favorite recht gut.
Paris 18. oktober
es ist heute der fünfte tag, seit ich in Paris bin. Am 13. mittags verließ ich
Brüssel auf der eisenbahn, die mich bis Quiévrain hart an der französischen
grenze in ungefähr 3 stunden brachte. dort bestieg ich meine diligence
Laffitte Caillard und fuhr zum französischen Zollhause, wo wir über eine
stunde lang visitirt wurden, doch war es lange nicht so arg wie an der bel-
gischen grenze bey Antwerpen. um 6 waren wir in valenciennes, wo uns
unsere Pässe abgenommen und gegen geleitscheine des maire von valen-
ciennes vertauscht wurden. die gesellschaft in der diligence war passabel,
eine ziemlich liebenswürdige junge frau aus rotterdam mit zwey herren,
wovon der eine ihr mann zu seyn schien etc. die diligence selbst fand ich
nicht besser und nicht schlechter als bey uns, der Wagen ziemlich unbe-
quem, die schnelligkeit des fahrens auch nicht größer als bey uns sowie die
des umspannens auf den stationen, man hatte mir immer von der halsbre-
cherischen geschwindigkeit erzählt, mit der die Postillone in frankreich
führen, ich merkte nichts davon, dazu der Weg welcher von Quiévrain bis
Paris gepflastert ist, kurz ich war froh, als wir ankamen, und zwar um 1/2 3
statt um 10 wie man uns in Brüssel versichert hatte. Wir fuhren über cam-
bray und senlis durch den Wald von chantilly. hier fuhren wir bey der Bar-
riére de la Vilette ein, an den Fortificationen vorüber, an denen erstaunlich
stark gearbeitet wird. Auf dem Postbureau hatten wir noch fast eine stunde
Aufenthalt, weil da unsere Sachen nochmals, zwar nur oberflächlich, visitirt
wurden. ich stieg im hôtel de Paris, rue richelieu ab, wo ich ein recht hüb-
sches kleines Appartement, jedoch 4 treppen hoch, einnehme.
Die ersten Tage hatte ich ein magnifiques Wetter, gestern und heute aber
regnet es abwechselnd mit sonnenschein, und daher gibt es einen furcht-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien