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Tagebücher452
saint-sulpice und saintgermain l’Auxerrois, die neue kirche s. Paul im
faubourg Poissonnière, die gréniers de réserve, wo jeder Bäcker 25 säcke
korn haben muß und genug getreide aufbewahrt wird, um Paris durch ein
Jahr zu verpflegen, das kolossale entrepôt des vins, die neuerbaute Börse,
wohl das schönste gebäude dieser Art in der Welt, die Bank, ein altes ge-
bäude, das sogenannte château d’eau auf dem Boulevard saint-martin, eine
ungeheure fontaine, von welcher alle übrigen mit Wasser versorgt werden,
etc., vor Allem aber der Palais-royal, welcher das grandioseste und glän-
zendste ist, was man sich in dieser Art denken kann.
[Paris] 18. oktober Abends
Als ich heute wie gewöhnlich in galignani’s cabinet de lecture kam, stieß
mir zufällig und zwar zum erstenmahle seit ich hier bin, die gazzetta di
milano auf, und das erste was ich darin las, war meine ernennung zum
gubernialsekretär in mailand.
so gleichgültig mir die sache an sich ist, so ist mir doch seitdem ein stein
vom herzen gefallen, da ich nun aller ungewißheit über meinen zukünfti-
gen Bestimmungsort, der furcht, wenigstens auf kurze Zeit wieder in mein
unangenehmes, nun gott lob überstandenes voriges dienstverhältniß tre-
ten zu müssen, und der Besorgniß, wie man mir in mailand mein längeres
Ausbleiben und meinen Abstecher nach Paris aufnehmen würde, mit einem
mahle überhoben bin.
sonderbar aber ist es, daß ich unter ganz ähnlichen verhältnissen im
november 1839 mein Avancement zum kreiscommissär erfuhr, nämlich
auch damals im Auslande und gar unvermuthet durch die Zeitung.
Was meine Bestimmung nach mailand anbelangt, so bin ich damit im
ganzen zufrieden, obwol auch venedig viel für sich gehabt hätte, nämlich:
die Annehmlichkeit des nächsten Winters, die Wohlfeilheit des Aufenthaltes,
endlich der vortheil, in Palfy einen angenehmeren und nützlicheren chef
zu haben, als es spaur ist. dagegen streitet für mailand die großartigere
besonders geistig reichere existenz daselbst und das Agrément, in meinen
bisherigen verhältnissen zu bleiben. ohnehin hoffe ich, wird es nicht lange
währen, denn ich erwarte bald von seiten kübeck’s eine entscheidung.
meine unmittelbaren reisepläne erleiden hiedurch keine Änderung, ich
werde, wie es stets meine Absicht war, bis 27. oder 28. dieses monats hier
bleiben und dann auf dem kürzesten Wege mit wenig oder gar keinem Auf-
enthalt nach mailand zurückkehren.
[Paris] 21. oktober
Paris ist vielleicht der einzige ort in der Welt, wo man seinen tag, ohne
eine menschliche Seele zu kennen, vortrefflich zubringen kann. Das ist so
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien