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Tagebücher454
du chatelet, der Palais de Justice und das hôtel de ville, beyde groß und
schön, der Blumenmarkt Place de la madeleine etc.
gestern wohnte ich einer sitzung der Assisen bey, wovon ich mir viel in-
teresse versprach. der erste fall war ein gewöhnlicher hausdiebstahl, nach-
her kam ein mord, von einem manne an seiner frau verübt. Auf diesen war
ich sehr gespannt, leider aber wurde diese verhandlung à huis clos geführt,
da es scandal geben sollte. doch interessirten mich selbst bey dem wenigen,
was ich gesehen, Art und form der verhandlung, und bestärkte mich in
meiner Ansicht von der Vortrefflichkeit des öffentlichen Gerichtsverfahrens
und der Jury, worüber in deutschland nun soviel gesprochen wird.
Am Abende gehe ich ins theater, bis nun jeden tag in ein anderes, letzthin
langweilte ich mich im Théatre Français, man gab Mithridate von Racine, die
französischen Acteurs spielen nicht, sie declamiren nur oder vielmehr sie sin-
gen, von natürlichkeit keine rede, mlle rachel hat davon etwas mehr als die
andern und hat unstreitig eine dramatische, würdevolle haltung. in der italie-
nischen oper sah ich neulich die sonnambula von der Persiani, welche schön
doch zu gekünstelt singt, Mario, einem vortrefflichen Tenor, und Morelli, trotz
dem war das ensemble schlecht und ebenso die chöre, ohne kraft und feuer,
und das Publicum applaudirt bloß das schreyen und die coloraturen, gerade
so wie im Théatre Français. Auch in der französischen Oper sah ich nichts Be-
sonderes (mr. Poultier und mad. dobré), dagegen interessiren und amusiren
mich die Vaudevilletheater sehr. Fast ein jedes hat ganz vortreffliche Acteurs,
so Bouffé, Arnal, mlle déjazet, Bardou, mad. doche, levassor, Alcide tousez,
tisserand etc. Auch sind die stücke meist erbärmlich und bloß auf einen oder
den andern aus ihnen berechnet, und immer viel französischer Patriotismus
und klingklang. Auch das hat sein gutes. Zuweilen gibt es auch spektakel,
so letzthin im theater du Palaisroyal, wo Jemand im Parterre mlle déjazet
apostrophirte und dafür hinausgeworfen ward etc.
gleich den tag, als ich ankam, sah ich in einem laden des Palaisroyal
groß angekündiget: de l’Autriche et de son avenir – traduit de l’Allemand
d’aprés la dernière édition. ich sprach mit dem verleger Amyot, rue de la
paix. die übersetzung ward auf seine Bestellung von einem schwedischen
diplomaten (!) in verbindung mit einem hiesigen litteraten gemacht, sie
ist ziemlich mittelmäßig und an mehreren stellen der sinn verfehlt, einige
noten des übersetzers sollen die auf frankreich bezüglichen stellen wider-
legen, besonders die Ausfälle gegen die centralisation, welche hier über-
haupt allgemein als die einzige methode, frankreich zu regieren gilt. ein
kurzes vorwort nennt den verfasser, Boucquoy, daß ich das Buch kaufte,
versteht sich.1 es sollen, wie mir Amyot sagte, mehrere Artikel darüber in
1 das vorwort dieser Ausgabe ist gedruckt in rietra, Wirkungsgeschichte, 75.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien