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Oktober 1843
den Journalen erscheinen, leider werde ich sie wohl nicht mehr zu gesichte
bekommen, zwey sind bereits erschienen, eine ganz kurze und oberflächli-
che erwähnung im siècle und ein längerer Artikel in dem vorletzten hefte
der revue des deux mondes, diesen letzteren werde ich nächstens erhalten.
ich bin weder über die übersetzung selbst noch über die Art derselben son-
derlich erfreut.
der eindruck, den mir Paris im ganzen gemacht hat, ist hinsichtlich
seiner schönheit unter meiner erwartung geblieben, hinsichtlich der groß-
artigkeit aber hat er dieselbe weit übertroffen. Paris ist eine wahre Welt,
und besonders frappirte mich der contrast zwischen den verschiedenen
Quartiers der stadt, dem faubourg s. germain, Palais royal, Pays latin,
faubourg s. marceau, der sittlichen und materiellen cloake von Paris,
faubourg s. Antoine etc.
heute habe ich den größten theil meiner sachen per roulage accéléré
weggeschickt, ich selbst denke, kommenden freytag den 27. mit der malle-
poste abzureisen und über lyon, chambery und turin zu gehen. Am 2.
oder 3. will ich in mailand seyn und gestehe, daß ich mich auf mein homely
chez-moi freue.
die menge von Journalen aller Art, welche hier erscheinen, ist wirklich
erstaunlich. der größte theil derselben kömmt nicht über die Barriéren
hinaus, wenigstens nicht über die französische grenze, so daß wir im Aus-
lande nur eine sehr geringe idee von dem umfange der hiesigen tages-
presse haben. Ich lese ziemlich fleißig alle diese Blätter, obwohl es den gan-
zen Tag hinnehmen würde, wenn man sie alle nur oberflächlich Tag für
tag durchgehen wollte. ihr innerer Werth steht aber meistens tief unter
der mittelmäßigkeit, und es ist eine so krasse unwissenheit mit so viel
unverschämtheit gepaart, eine solche Wortfechterey und geistesarmuth in
ihnen, daß einen die Journalistik überhaupt wirklich anekeln könnte. eine
Ausnahme hiervon machen vorzüglich das Journal des débats, die démo-
cratie pacifique (im kommunistischen Sinne), die Presse und mitunter der
national, ein jedes in seiner Art und farbe. Aber selbst bey diesen fällt mir
oft ein, was der herzog von Blacas einstens zu mir sagte: il parâit que nous
avons fait divorce avec la vérité.
die hauptgegenstände, um die sich ihre declamationen eben jetzt dre-
hen, sind die energischen schritte der englischen regierung gegen o’connell
und die repeal-Agitation, die unruhen in italien und der bevorstehende
einmarsch österreichischer truppen in Bologna, die festlichkeiten und
reden bey gelegenheit der eröffnung der cöln-Antwerpen eisenbahn, die
revolution in griechenland, und mehr als dieses Alles die kleinlichen und
misérablen Zänkereyen zwischen Partheien und Journalen im inneren,
das neue hohle Programm lamartine’s, der streit zwischen dem grafen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien