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November 1843
ris brachte ich damit zu, mit fürstenwärther noch einige öffentliche Bälle
zu besuchen, der Prado, welcher im Winter die chaumière ersetzt, also das
rendezvous der studenten und grisetten ist, dann den valentino in der
rue s. honoré, welches der eleganteste salon dieser Art in Paris ist, an
beyden orten amusirten wir uns, gelegenheitlich und wie verstohlen den
verpönten cancan tanzen zu sehen. dann gingen wir noch in das famose
etablissement der Puces travailleuses in der rue cléry. ich fand es weit
mehr ekelhaft als aufregend.
freytag am 27. Abends 6 uhr verließ ich Paris mit der malleposte, es ist
hübsch zu sehen, wie um eine und dieselbe stunde mit schlag 6 uhr alle
malleposten nach den verschiedensten richtungen von frankreich abfah-
ren, wir schmissen gleich außerhalb der Barriére einen fuhrmannskarren
in den graben und fuhren dann seelenvergnügt weiter, mit mir fuhr ein
französischer Abbé und seine 2 Zöglinge, junge engländer, der eine der
sohn, der andere der neveu von lord clifford, welche sich ins Jesuitencol-
legium von freyburg begaben.
Während unserer ganzen reise regnete es unaufhörlich, der Weg war
entsetzlich langweilig, die dörfer selten und schmutzig wie in ganz frank-
reich, wenigstens soviel ich davon gesehen habe, ist man aus Paris heraus,
so könnte man sich in china glauben, die menschen roh und ungeschliffen,
die Wirthshäuser schlecht. übrigens kamen wir erst gegen 9 uhr Abends
dazu etwas essen zu können, nämlich in châlons sur saône, und wenn
meine reisegefährten nicht einigen mundvorrath mit gehabt hätten, so
wäre es mir schlimm ergangen.
sonntag früh um 8 waren wir in lyon, eine häßliche, langweilige, grund-
los schmutzige stadt. unser Abbé schleppte uns in einen misérabeln, eine
stunde von der Place Bellecour oder louis Xiv. (wo die Post ist) entfernten
gasthof, hôtel au nord, wo wir nach einem genommenen Bade zusammen
frühstückten.
Hier aber fingen meine désappointments und Schwierigkeiten wegen des
fortkommens an, ich hatte gehofft, gleich nach chambéry weiter und von
dort nach turin fahren zu können, an diesem tage aber ging keine diligence
mehr, und die zwey einzigen, welche bis turin gehen, nämlich die malle-
postes sardes und die von Bonefons, waren schon auf viele tage voraus ge-
nommen. ich war mithin schon entschieden, mit dem dampfboote auf der
rhône bis Avignon hinabzufahren, von da zu lande nach marseille zu gehen
und dort das nächste dampfschiff nach genua zu nehmen, später aber ent-
schloß ich mich dennoch anders und nahm einen Platz auf einer diligence
des maîtres de poste, welche auf einem kürzeren und schöneren Wege, näm-
lich über Belley statt über Pont de Beauvoisin, nach chambéry fahren, hof-
fend, dort eine weitere Eilwagengelegenheit nach Turin zu finden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien