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November 1843
erklärte meinerseits ganz bestimmt, ich würde in diesem falle mit Post-
kalesche allein weiter fahren und ihn im stiche lassen. diese meine ent-
schlossenheit machte das unmögliche möglich, und um 1 uhr fuhren wir
mit 4 vorspannpferden über den montcenis, man braucht 3 stunden bis
auf den gipfel, die letzte stunde fuhren wir in schnee und eis, nebel und
regenschauer, und von da in abermals 3 stunden rasch bis susa hinunter,
wo wir nach 7 uhr ankamen. schön war es beym hinabfahren zu sehen,
wie die nebel unter uns im thale hingen, während wir in reinem himmel
waren. doch hatte ich mir den montcenis im ganzen weit schwieriger und
länger vorgestellt.
das unangenehmste dieser ganzen höllenfahrt war aber noch zu über-
stehen, mein landkutscher hatte sich in chambéry verbindlich gemacht,
damit ich einen tage gewönne, mich von susa sogleich weiter zu schaffen
und zwar mit einer diligence, welche er hat, und die täglich am Abende
von susa nach turin fährt. nun war dieses aber keine diligence, wie ich
geglaubt hatte, sondern ein Wagen der allerschlechtesten, gemeinsten gat-
tung, in welchem das allerschmutzigste gesindel eingepfercht war, so daß
ich es vorzog, neben dem kutscher im coupé zu fahren. um 9 fuhr man ab.
in s. Ambrogio wurde 2 stunden gefüttert, und nur durch versprechungen
und Zureden aller Art konnte ich den kutscher dahin bringen, daß er von
da weiter in einer Art von trab fuhr, so daß wir um 7 uhr früh – 20 miglien
in 10 stunden!! – hier ankamen, und zwar durch die endlose, 5 miglien
lange Allée von rivoli.
hier scheint nun mein leiden zu ende zu seyn, ich sitze in einem ex-
cellenten gasthofe, hôtel feder, und delectire mich an einem guten früh-
stücke und comfortabeln camine mit wahrer Wollust. Auch meinen guten
Platz auf dem courier, welcher morgen 4 uhr nachmittags abfährt und
übermorgen früh in mailand ist, habe ich schon genommen und hoffe somit,
baldigst ad patrias saxes [sic] zurück zu gelangen.
übrigens hat mir, was ich von turin bis nun gesehen, äußerst garstig
und langweilig geschienen, schnurgerade straßen mit einförmigen schmut-
zigen häusern, welche alle aussehen wie klöster oder casernen.
[turin] 4. november morgens
ich ging gestern gegen mittag zu thun und dann zu schwarzenberg. es ist
mit meinen reiseschwulitäten vielleicht noch nicht zu ende. denn in folge
des regenwetters ist die Brücke über die sesia abgerissen, die vorgestrige
Post ausgeblieben, und die gestrige kam statt des morgens erst am Abende.
da nun das laue Wetter, zwar ohne regen, gestern und heute fortdauert,
so wäre es leider möglich, daß ich einen tag lang an der sesia sitzen bleibe
ohne hinüber zu können.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien